Porträtfoto: Zwei kleine Mädchen aus Burkina Faso blicken in die Kamera.

Bildung statt Beschneidung

Die weibliche Genitalbeschneidung (female genital mutilation, kurz FGM) ist in Deutschland verboten. Doch gegen die Kraft jahrtausendealter Traditionen und die Furcht vor sozialer Ächtung können Gesetze oft wenig ausrichten. Die Münchner FGM-Aktivistin Fadumo Korn hat uns erzählt, wie Aufklärung und Bildungsangebote wirken: in Deutschland genauso wie zum Beispiel in Burkina Faso.

Die wichtigsten Fakten

FGM: uralte Tradition. Ungezählte Tote.

In vielen Ländern weltweit werden seit Jahrtausenden Mädchen beschnitten. Nach der Beschneidung gelten sie als rein, schön und begehrenswert. Doch der Eingriff beeinträchtigt betroffene Frauen oft ein Leben lang. Er nimmt ihnen das sexuelle Empfinden, verursacht massive Probleme und Schmerzen beim Wasserlassen, bei der Menstruation und beim Geschlechtsverkehr. Bei der Geburt eines Kindes kann die Beschneidung zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen. Oft nehmen traditionelle Beschneiderinnen den Eingriff vor, mit Rasierklingen, Scherben oder den Fingernägeln. Dabei drohen schwerste Verletzungen, Blutungen und Infektionen. Nach WHO-Schätzung stirbt jedes zehnte Mädchen während oder direkt nach der Beschneidung. (Mehr erfahren: zur Themenseite „Weibliche Genitalbeschneidung“)

FGM in Deutschland

Durch Migration und Flucht ist die weibliche Genitalbeschneidung längst auch in Deutschland ein wichtiges Thema, Zehntausende Mädchen und Frauen sind betroffen. Auch hierzulande werden Mädchen beschnitten; die Dunkelziffer ist vermutlich hoch, denn die Eingriffe finden verborgen zu Hause statt. Zudem ist die Beschneidung so stark tabuisiert, dass Betroffene kaum Hilfe suchen. Auch drohende Haftstrafen halten Eltern daher nicht davon ab, ihre Töchter beschneiden zu lassen. Hier setzt die Aufklärungsarbeit von Aktivistinnen wie Fadumo Korn an.

 

Porträtfoto: Fadumo Korn.

Fadumo Korn, Anti-FGM-Aktivistin

Fadumo Korn engagiert sich seit mehr als 20 Jahren gegen die weibliche Genitalbeschneidung. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen und als anerkannte Expertin erreicht sie betroffene Familien und gewinnt Aufmerksamkeit in Politik und Fachkreisen.

Zum Porträt: Fadumo Korn

Fadumo Korn arbeitet bei Donna Mobile e. V. in München in der FGM-Aufklärungsarbeit. Der Verein engagiert sich seit mehr als 30 Jahren für die Gesundheitsförderung und Prävention. Bayernweit berät und unterstützt Donna Mobile Mädchen und Frauen, die von FGM betroffen oder bedroht sind. Der Verein betreut Frauensafe-Gruppen (für Austausch, gegenseitige Unterstützung und Empowerment), organisiert Fortbildungen für Fachkräfte und bietet auch Workshops speziell für Männer: Sie sollen über die schwerwiegenden Folgen der Beschneidung für Mädchen und Frauen aufgeklärt werden. Außerdem ist Fadumo Korn ehrenamtlich für ihren Verein NALA e. V. aktiv und betreut unter anderem eine NALA-Mädchengruppe in München.

Beispiel: Angebot für junge Geflüchtete

NALA-Mädchengruppe: stark und selbstbewusst

Sie stammen aus verschiedensten Ländern in Afrika. Was sie verbindet: Sie kamen als minderjährige unbegleitete Geflüchtete nach Deutschland – und treffen sich jetzt regelmäßig in der Mädchengruppe des NALA e. V. in München. Die Gruppe gibt ihnen Raum, um sich nach und nach mit der neuen Heimat vertraut zu machen, Alltagsfragen zu klären, Sorgen und Probleme anzusprechen, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen. Sie setzen sich mit Werten auseinander, mit Gleichberechtigung und Demokratie, mit den Rechten und Chancen von Frauen in Deutschland, mit Schule und Ausbildung. Und die Gruppe unterstützt sie dabei, sich zu entfalten, zu starken, selbstbewussten Frauen heranzureifen.

„Es gibt häufig Notfälle“, sagt Fadumo Korn. „Oft melden sich die Mädchen am Wochenende bei mir, ich muss trösten, klären, organisieren.“ Es geht um die typischen Teenager-Themen, um die kleine und große Liebe. Nur dass Liebe, Heirat und Kinderkriegen für beschnittene Mädchen ein ganz spezielles Thema sind. Nicht alle NALA-Mädchen sind beschnitten und: Das geht sowieso draußen niemanden etwas an. Aber alle Fragen können sie mit den Beraterinnen des NALA e. V. besprechen, alle Ängste teilen, viele Sorgen abladen. Auch wenn ein Mädchen sich zu einer Operation entschließt (nach dem Öffnen des Narbengewebes werden dabei die äußeren Genitalien wiederhergestellt), ist NALA an seiner Seite.

Mehrere Mädchen, fröhlich winkend. Sie tragen Rucksäcke mit dem Logo des NALA e. V.

Ein junges, starkes Netzwerk: Mädchen aus der Münchner Gruppe des NALA e. V.

Aufklärungsarbeit in Familien

FGM-Beratung: Respekt öffnet Türen

Ob in Deutschland oder in Burkina Faso: Wenn Fadumo Korn mit Familien über FGM sprechen möchte, fällt sie nicht mit der Tür ins Haus. Sie folgt den uralten Ritualen der Gastlichkeit. „Allein die Begrüßung dauert mehrere Minuten“, schildert Fadumo Korn. „Ich ziehe die Schuhe aus, wasche meine Hände, begrüße jeden Einzelnen, frage, wie es ihm und der Familie geht, drücke die Hoffnung aus, dass alle gut geschlafen haben, gebe Männern die Hand, küsse Frauen viermal links und rechts, bewundere das Baby ...“ Mal besucht Fadumo Korn Familien allein als Beraterin, mal begleitet sie Polizistinnen und Polizisten, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oder andere Fachkräfte als Dolmetscherin und Kulturmittlerin. Auch dann führt sie in aller Ruhe durchs Ritual. „Wenn beide Seiten respektvoll aufeinander zugehen, ist das mein größtes Glück.“ 

Weibliche Genitalbeschneidung: nicht nur Frauensache!

Eine wichtige Frage ist auch: Wer spricht mit wem? Manchmal berät Fadumo Korn die ganze Familie. Doch sie bietet auch Einzelgespräche an. Im Gespräch unter vier Augen ist es weniger peinlich, über Tabuthemen zu sprechen. Dann schüttet manche Mutter ihr Herz aus und vertraut der Beraterin an: „Lieber hacke ich mir eine Hand ab, als meine Tochter beschneiden zu lassen!“ Beschneidung: ja oder nein? Durch die migrantische Community zieht sich in dieser Frage ein unsichtbarer tiefer Riss. Manche Mütter und Väter sind froh über das Verbot der Beschneidung in Deutschland, froh darüber, dass ihre Töchter unversehrt heranwachsen können.

„Manche Mutter sagt: Lieber hacke ich mir eine Hand ab, als meine Tochter beschneiden zu lassen!“

Die weibliche Genitalbeschneidung ist für Fadumo Korn keine reine Frauensache. „Es ist wichtig, dass auch Männer Beratungen anbieten. Dann fällt Familienvätern nicht nur das Reden leichter. Sie erleben auch einen Mann, der alle Frauen gleichermaßen respektiert, egal, ob sie beschnitten sind oder nicht.“

Gespräche über Gott

Es ist verboten, Mädchen zu beschneiden? Mag sein, aber viel schlimmer wäre doch, dass die eigene Tochter als unsauber gilt, nicht verheiratet werden kann, die ganze Familie ins gesellschaftliche Abseits rückt! Hört Fadumo Korn Begründungen wie diese, dann spricht sie mit den Eltern über Gott. „Allah ist allmächtig, nicht wahr?“ – „Natürlich!“ – „Und alles, was Er schafft, ist gut?“ – „Ja, unbedingt!“ – „Wie kommt es dann, dass du deine Tochter beschneiden lassen willst: Hat Allah einen Fehler gemacht, den du als Mensch korrigieren musst? Willst du Gottes vollkommenes Werk zerstören?“

„Willst du Gottes vollkommenes Werk zerstören?“

Fadumo Korn erklärt, wie der weibliche Körper funktioniert und wie eine Beschneidung ihn versehrt. Ja, die Klitoris ist das Lustorgan der Frau. Aber nein, sie macht Frauen nicht sexsüchtig. Als Beispiel nennt Fadumo Korn auch die somalische Bezeichnung für die Klitoris. Übersetzt heißt sie: Fortpflanzungsorgan. Und DAS soll man entfernen?

Nicht eine Heirat sichert Mädchen die Zukunft. Sondern Bildung!

Wie ein steter Tropfen den Stein höhlt, so können Gespräche nach und nach Einstellungen verändern. Dabei vermitteln Beraterinnen wie Fadumo Korn immer wieder: Nicht eine Heirat sichert Mädchen die Zukunft – sondern Bildung! Schule, Ausbildung und der Einstieg ins Berufsleben eröffnen jungen Frauen ein selbstständiges, gutes Leben, in Deutschland genauso wie in Ländern, in denen die Beschneidung fester Teil der Kultur ist.

Fotostory: Bildungsprojekt in Burkina Faso

FGM: Aufklärung mit dem Segen der Könige

In Burkina Faso (Westafrika) wird die massivste Form der FGM vorgenommen: die pharaonische Beschneidung. Offiziell ist die FGM in Burkina Faso verboten; doch 75 bis 100 Prozent aller Frauen sind beschnitten. Gemeinsam mit einer Vereinigung vor Ort treibt NALA e. V. die Präventionsarbeit voran. Auch hier ist das Ziel, Familien und Frauen nachhaltig zu stärken: durch medizinische Versorgung, wirtschaftliche Hilfen (zum Beispiel ein Stück Ackerland, das einer Familie das Überleben sichern kann), Bildung und Aufklärung. Klicken/swipen Sie durch die Fotostory:

Zusammenarbeit mit Krankenhäusern

Kaiserschnitt nach Genitalbeschneidung? Nicht unbedingt!

Wenn beschnittene Frauen ein Kind erwarten, sind Ärztinnen und Ärzte, Hebammen und Pflegekräfte oft genauso verunsichert wie ihre Patientinnen. Was bedeutet eine Beschneidung aus medizinischer und psychosozialer Sicht? Wie spreche ich mit einer betroffenen Frau über ein Tabuthema? Wie kann ich ihr nachhaltig helfen? Ist die Geburt per Kaiserschnitt zwingend nötig? Und wenn eine Frau eine Tochter zur Welt bringt: Wie können wir auf die Familie einwirken, um zu verhindern, dass die Kleine ebenfalls beschnitten wird?

Eine Hebamme der Münchner Frauenklinik in der Maistraße nahm Kontakt zu Fadumo Korn auf. „Ich habe dann über Jahre die Ausbildung der Hebammen begleitet. Ein wichtiger Punkt war: Wie kann ich das Vertrauen der Patientin gewinnen? Ihr müsst mit zitternden Knien sehr kompetent wirken, habe ich den Hebammen gesagt“, schildert Fadumo Korn. Später begann sie, Vorträge in Kliniken zu halten, „in komplett ausgebuchten Hörsälen“. Fadumo Korn ermutigt die Geburtshilfe-Profis: „Beschnittene Frauen brauchen, worin Deutschland sowieso spitze ist: die beste medizinische Versorgung. Und dazu: sehr viel Empathie.“ Ein Kaiserschnitt ist übrigens kein Muss für beschnittene Frauen, im Gegenteil: Eine Geburt kann ein Anlass sein, einen verschlossenen Scheideneingang zu öffnen, die Wunden professionell zu versorgen und so die Lebensqualität der Frau erheblich zu steigern. Den Verschluss wiederherzustellen ist nach deutschem Recht verboten, wenn er medizinische Probleme verursachen könnte. Auch wenn der Ehemann darauf drängt: Betroffene Frauen wissen die Ärztinnen und Ärzte und das Recht auf ihrer Seite.

„Beschnittene Frauen brauchen die beste medizinische Versorgung. Und dazu: sehr viel Empathie.“

Noch ist FGM weder Thema im Medizinstudium noch in der Facharztausbildung. Kliniken und Praxen werden inzwischen teilweise selbst aktiv. Eine erste Einführung und Empfehlungen bieten Papiere der Bundesärztekammer und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe:

Lesetipp: Gynäkologie und Geburtshilfe

Der 99. Deutsche Ärztetag (Köln, 1996) verurteilte die Beteiligung von Ärztinnen und Ärzten an jeglicher Form von Beschneidung. Aktuelle Richtlinien zur Behandlung und Betreuung von beschnittenen Frauen finden Sie hier: 

Empfehlungen der Bundesärztekammer zum Umgang von Patientinnen mit FGM (2016) 

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V (2013)

FGM: BERATUNG & HILFE
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