Eine Pflegekraft schreit eine ältere Dame an, während sie diese am Arm packt.

Gewalt in der Pfle­ge: Ge­spräch mit Prof. Dr. Thomas Klie

Gewalt gehört in der Pflege zum Alltag. Wie können wir vorbeugen? Professor Dr. Thomas Klie, Rechtswissenschaftler und Sozialexperte, empfiehlt: (Engagierte) Pflegeheime brauchen nicht mehr Kontrollen, sondern eine gute Begleitung. Pflegekräfte brauchen mehr Verantwortung. Pflegebedürftige Menschen keine Sicherheit um den Preis ihrer Freiheit. Und die Pflege insgesamt: mehr gesellschaftliches Engagement.  

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Über ...

Professor Dr. Thomas Klie 

Professor Dr. Thomas Klie, geboren 1955 in Hamburg, ist Rechtswissenschaftler und ein herausragender Sozialexperte. Aktuelle und Zukunftsfragen des Alter(n)s rückte er in den Blickpunkt von Politik, Gesetzgebung und Gesellschaft. In Forschungsprojekten befasst er sich unter anderem mit Fragen der Pflege; er gab und gibt wesentliche Impulse für die deutsche Pflegepolitik. Thomas Klie lehrte Rechts- und Verwaltungswissenschaften sowie Gerontologie an der Evangelischen Hochschule Freiburg. An der Universität Graz ist er am Center for Aging, Demography and Care tätig, außerdem leitet er das Institut AGP Sozialforschung (Freiburg) und das Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung (Freiburg, Berlin). Nebenberuflich ist er als Rechtsanwalt in einer Kanzlei für soziale Unternehmen tätig. Außerdem ist Thomas Klie Justitiar der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB). Mehr erfahren: zur Website von Professor Dr. Thomas Klie

Porträtfoto: Professor Dr. Thomas Klie.

Professor Dr. Thomas Klie, Rechtswissenschaftler, Sozial- und Pflegeexperte.  

Kurz erklärt: Gewalt in der Pflege

Was ist Gewalt in der Pflege? 

Von Gewalt in der Pflege spricht man, wenn eine Vertrauensperson einem pflegebedürftigen Menschen Schaden oder Leid zufügt. Dieses Leid kann entstehen durch eine Handlung (Beispiele: Anschreien, Fixierung, Schlagen) oder durch ein Unterlassen (Beispiele: nichts zu trinken geben, Hilferufe ignorieren). (Quelle: WHO, Abuse of older people). 

Gewalt geschieht häufig durch Pflegekräfte und pflegende Angehörige. Doch auch pflegebedürftige Personen sind teilweise gewalttätig, besonders, aber nicht nur, wenn sie von Demenz betroffen sind. Häufig führt Gewalt zu Gegengewalt: ein Teufelskreis. Auch (psychische) Gewalt zwischen Beschäftigten in der Pflege ist ein Thema.  

  • Psychische Gewalt

    Laut Thomas Klie „die dominante Form von Gewalt in der Pflege. Beispiele sind eine asymmetrische Anrede, etwa das ungefragte `Du´, abwertende verbale oder averbale Kommunikation, Verweigerung von Sprachakten (= zum Beispiel nicht auf Fragen antworten, Anm. d. Red.), demütigendes Verhalten, das die Selbstachtung und Selbstbestimmung verletzt. Auch das Sprechen über den Kopf hinweg gehört dazu …“

  • Körperliche Gewalt

    Z. B. Schubsen, grobes Festhalten, Schläge. Thomas Klie: „Auch in eigentlich guten Einrichtungen mussten wir immer wieder feststellen, dass der Widerstand oder die Eigensinnigkeit der Bewohnerinnen und Bewohner von Beschäftigten nicht toleriert und durchaus mit körperlicher Gewalt beantwortet wird. Das kann bei der Nahrungszuführung passieren, bei der Applikation von Medikamenten, auch beim Waschen: Gewalt ist immer wieder Alltag. Darum ist Gewaltprävention so wichtig: Und es kommt auf die Kultur und ethische Kompetenz der Einrichtung an.“

  • Vernachlässigung

    Z. B. unzureichende Versorgung mit Getränken und Essen, mangelhafte Körper- und Intimpflege, Unterlassen von Maßnahmen gegen Wundliegen.

  • Sexualisierte Gewalt

    Reicht von Übergriffen bei der Intimpflege bis zur Vergewaltigung. Von pflegebedürftigen Menschen begrabscht zu werden, ist wiederum für Pflegekräfte eine häufige Gewalterfahrung.

  • Finanzielle Ausbeutung

    Z. B. Diebstahl oder Unterschlagung.

  • Einschränkung des freien Willens

    Beginnt bei aufgezwungenen Abläufen (z. B. geweckt werden und aufstehen müssen zu einer starr festgelegten Zeit) und reicht bis zu freiheitsentziehenden Maßnahmen (Mehr über Freiheitsentzug erfahren? Gleich weiterlesen beim Thema Demenz: (Gewalt-)Freiheit durch Fürsorge)

Gewalt in der Pflege hat viele mögliche Ursachen. Ein wichtiger Faktor ist die Abhängigkeit von der Pflegeperson: 

Ungleichgewicht in der Beziehung 

Die Beziehung zwischen einer pflegebedürftigen Person und einer Pflegekraft ist – auch – eine Machtbeziehung. Die eine ist von der anderen abhängig, sie braucht etwas, das die andere geben kann. „Solche Asymmetrien in Beziehungen sind immer gewaltgeneigt”, erklärt Thomas Klie. “Der Gestaltpsychologe Pätzold hat das bereits in den 80er Jahren herausgearbeitet: Der eine steht, der andere sitzt oder liegt, allein das schafft schon Asymmetrien und das kann immer ausgespielt werden.” 

Belastende Arbeitsbedingungen 

Auch belastende Arbeitsbedingungen, Personalknappheit und hoher Zeitdruck sind Gewaltfaktoren: Eine überlastete Pflegekraft neigt möglicherweise eher zur Gewalt, etwa wenn Bewohnerinnen und Bewohner nicht kooperieren, ob beim Waschen, Anziehen oder Reichen des Essens: Sie schreit, packt grob zu, schubst oder schlägt.  

Persönliche Eignung 

Nicht jeder Mensch bringe die nötige charakterliche Eignung für die Pflege mit, sagt Thomas Klie. Pflegekräfte brauchen ein hohes Einfühlungsvermögen, Geduld und Freude am Menschen. Fehlt diese Grundhaltung oder geht sie durch die Belastung im Pflegealltag verloren, kann es zu Übergriffen und Gewalt kommen.  

Eine Pflegekraft füttert einen älteren Mann.

Ob bei der Körperpflege, der Medikamentengabe oder wie hier, beim Essen: Die Pflegebeziehung ist heute oft von Zeitdruck geprägt. 

Was hilft gegen Gewalt in der Pflege?

Noch mehr Kontrollen in Pflegeheimen? 

„Es gibt überhaupt keinen Wirtschaftssektor, der so stark kontrolliert wird, wie der Langzeitpflege-Bereich“, stellt Thomas Klie fest. Natürlich brauche man eine wache öffentliche und staatliche Kontrolle und Aufmerksamkeit für die Lebensbedingungen in Heimen: „Das bleiben unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger. Sie müssen spüren und sich sicher sein können, dass sie da zu ihrem Recht kommen, dass sie weiter in unserer wertschätzenden und anteilnehmenden Aufmerksamkeit bleiben.“ Dafür, so Klie, trage der Staat, aber auch die Zivilgesellschaft eine große Verantwortung. 

Doch wenn man gegenüber der Einrichtung kein Vertrauen habe, dann werde sich dieser Vertrauensmangel in der Einrichtung selbst durchsetzen. „Wenn der Staat negative Altersbilder dadurch unterstützt, dass er allein die Schutzbedürftigkeit älterer Menschen herausstellt und Einrichtungen ständig unter Misstrauensverdacht stellt, dann ist dies auch gesellschaftlich hoch problematisch“, warnt Thomas Klie. 

Eine Pflegekraft im Gespräch mit einer älteren Dame. Die Pflegekraft notiert mit.

Gute Pflege bedeutet nicht, starren Regeln zu folgen. Sondern alten Menschen helfen, ihre Alltags- und Lebensziele zu verwirklichen.  

Gegen Gewalt: engagierte Einrichtungen aktiv begleiten 

Eine Alternative sei es, „dass man bei qualitätsfähigen Einrichtungen – die sich glaubhaft bemühen und zu ihrer Verantwortung stehen, auch bei Fehlern – auf unangemeldete Kontrollen gänzlich verzichtet, sich stattdessen jährlich trifft und die Themen bespricht, die von der Einrichtung als dringlich erachtet werden. Also schauen, wie können wir die Einrichtung begleiten, beraten, verstehen, unterstützen, damit sie ihren nicht einfachen gesellschaftlichen Auftrag gut wahrnehmen kann. Das schafft eine andere Grundhaltung des Vertrauens. Ich kann mich mit den immer drängender werdenden Problemen in der Pflege kollegial an die Menschen in der Aufsichtsbehörde wenden: Was sollen wir machen mit dem Fachkräftemangel? Was können wir mit dem Phänomen der Gewalt tun?“ Das gilt nicht für die nicht wenigen `Grenzanbieter´ auf dem Pflegemarkt, denen es im Wesentlichen um den Profit geht. Ihnen gegenüber ist ggf. eine engmaschige kontrollierende Begleitung gefragt. Aber bitte differenzieren!“ 

Gegen Gewalt: mehr Verantwortung für die Pflegenden 

Ein wesentlicher Schritt, so Thomas Klie, sei auch, den Pflegefachkräften mehr Verantwortung zu übertragen. Aber: Wird Pflegekräften nicht schon viel zu viel Verantwortung aufgebürdet? Nein, dem Sozialexperten geht es nicht um noch mehr Verantwortung für noch mehr (pflegefremde) Aufgaben. Sondern darum, dass Pflegekräfte die Verantwortung dafür übernehmen (dürfen), wie sie die Pflege gestalten. „Seit 2020 wurde den Pflegefachkräften die Verantwortung für den Pflegeprozess gesetzlich übertragen“, erklärt der Sozialexperte. „Abstimmen mit den Ärzten: ja. Immer natürlich aushandeln und einen Konsens herstellen mit den Betroffenen. Aber die Verantwortung für den Pflegeprozess hat nicht der Arzt, auch nicht die Heimleitung oder Pflegedienstleitung, sondern die Pflegefachkraft, die für diese eine Person zuständig ist.“ Die Pflegeprofis müssten vorhandene Standards flexibel auf den einzelnen Menschen und die jeweilige Situation anwenden (können und dürfen). „Das setzt souveräne Fachlichkeit voraus. Die gilt es zu unterstützen. Jede misstrauensgeprägte Aufsicht zerstört souveräne Fachlichkeit.“ Wer in eigener Verantwortung pflegen und dazu beitragen kann, dass ein alter Mensch zufrieden seine Alltags- und Lebensziele erreichen kann, entzieht der Gewalt den Nährboden.  

In der Pflege geht es mitnichten darum, dass man gewisse Standards einhält. Professionalität zeichnet sich dadurch aus, dass ich Regelwissen mit meinem Erfahrungswissen immer einzelfallbezogen auf die Person hin anwende. Es geht darum, zu beurteilen: Was ist für den Menschen jetzt wichtig? Und wie können wir ihn in seiner Lebensführung unterstützen und Risiken bewusster und verantwortlicher zulassen und mitverantworten. Nicht jeder Sturz kennt einen Schuldigen. 

Professor Dr. Thomas Klie, Rechtswissenschaftler und Sozialexperte

Projekt „Pflege in Bayern – gesund und gewaltfrei“ 

In Bayern betreut das Institut AGP Sozialforschung unter Leitung von Thomas Klie gemeinsam mit der Hans-Weinberger-Akademie der AWO e.V. (München) und der Hochschule München ein Projekt, in dem Einrichtungen systematisch Unterstützung in der Gewaltprävention erhalten: „Pflege in Bayern – gesund und gewaltfrei“. 40 bayerische Pflegeeinrichtungen nehmen teil. „Diesen Einrichtungen“, erklärt Klie, „stellen wir einen Prozessbegleiter zur Seite, der gemeinsam mit den Beschäftigten, Angehörigen und der Heimleitung guckt: Wo haben wir unsere größten Bauchschmerzen in Sachen Gewalt, wo brauchen wir Unterstützung. Die Einrichtungen wählen geeignete Maßnahmen selbst aus. Coaches unterstützen sie in der Umsetzung.“ 

Besonders stark nachgefragt seien Deeskalationstrainings. Dabei lernen die Mitarbeitenden, wie sie aufgeladene Situationen und aggressive Stimmungen entschärfen können, im Umgang mit den alten Menschen wie im Team. „Da kann Humor eine Rolle spielen“, beschreibt Thomas Klie, „bestimmte Kommunikationstechniken, andere Angebote, eine Setting-Veränderung ...“ Dieses Beispiel zeige auch, dass Gewaltprävention dann besonders wirksam sei, wenn sie ein gutes Miteinander nicht nur zwischen Pflegekräften und alten Menschen erreiche, sondern auch innerhalb des Teams. 

Ebenfalls stark nachgefragt: ein fachlich gut angeleiteter Umgang mit herausforderndem Verhalten – und Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen. Thomas Klie: „Da gibt es ein großes Spektrum an möglichen Maßnahmen, die jeweils eine menschenfreundliche Kreativität mit gutem Fachwissen verbinden.“ Mehr erfahren, Methodenkoffer herunterladen: „Pflege in Bayern – gesund und gewaltfrei“: zur Projekt-Website 

Wenn die Mitarbeitenden sich wertgeschätzt und beteiligt sehen, wenn sie ihre eigenen Werte im Alltag der Pflege realisieren können, wenn sie sich sicher fühlen, wenn sie keine psychischen oder körperlichen Schmerzen erleiden müssen, dann geht es ihnen besser. Und sie können sich den auf Pflege angewiesenen Menschen in einer Weise widmen, die ihnen Wertschätzung, Sicherheit und Vertrauen vermittelt. Darin liegt der Auftrag der Pflegeeinrichtungen.  

Professor Dr. Thomas Klie
(Gewalt-)Freiheit, auch bei Demenz!

Freiheitsentziehende Maßnahmen: Gibt es Alternativen? 

Frau X hat aufgrund ihrer Demenzerkrankung einen extrem starken Bewegungsdrang. Tag und Nacht wandert sie durch die Flure der Pflegeeinrichtung. Zweimal ist sie schon hingefallen, einmal aus dem Bett gestürzt. Die Pflegekräfte haben auch Sorge, dass sie unbemerkt das Heim verlassen und sich draußen verirren oder in Gefahr geraten könnte ... 

Menschen wie Frau X gibt es in jeder Pflegeeinrichtung. Frau X ist extrem unruhig, Herr Y schreit stundenlang, Frau Z ist aggressiv. Um sie und andere zu schützen, werden Menschen mit sogenannten herausfordernden Verhalten teilweise fixiert oder sediert, also: festgeschnallt, eingesperrt oder mit Medikamenten ruhiggestellt. Demenzkranke Menschen und ihr Umfeld zu schützen: Das scheint immer ein Abwägen zu sein zwischen Freiheit und Sicherheit in Form von freiheitsentziehenden Maßnahmen. 

Was sind freiheitsentziehende Maßnahmen?

Von freiheitsentziehenden Maßnahmen (FEM) spricht man, wenn ein pflegebedürftiger Mensch gegen seinen Willen in seiner Bewegung eingeschränkt wird. Wenn er zum Beispiel in seinem Zimmer eingesperrt wird, mit Gurten auf dem Bett festgeschnallt (fixiert) oder mit Medikamenten ruhiggestellt (sediert). Und genauso, wenn zum Beispiel die Bremsen seines Rollstuhls festgestellt werden und er sie selbst nicht lösen kann. FEM sind nur im äußersten Fall und nur vorübergehend zulässig – und auch nur dann, wenn entweder die betroffene Person einwilligungsfähig ist und zugestimmt hat oder (und das ist die Regel) wenn ein Betreuungsgericht die Maßnahme genehmigt. Tatsächlich gehört aber die nicht gerichtlich angeordnete Fixierung immer noch zum Pflegealltag. Mehr erfahren über FEM: zur Kampagne „Eure Sorge fesselt mich“ des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege. 

Wir gehen davon aus, dass wir in den knapp 800.000 Einrichtungsplätzen in Deutschland täglich etwa 340.000 freiheitsentziehende Maßnahmen vorfinden. Das können auch mehrere Maßnahmen bezogen auf eine Person sein. Es ist überdies erschreckend, in welchem Maße Bewohnerinnen und Bewohner zudem von der Gabe nicht induzierter Psychopharmaka betroffen sind. 

Professor Dr. Thomas Klie

„Freiheit durch Fürsorge“ 

Aber müssen Freiheit und Sicherheit wirklich gegeneinander ausgespielt werden? Kommt die Pflege nicht ohne freiheitsentziehende Maßnahmen (FEM) aus? Doch, sagt Thomas Klie, Pflege könne und müsse weitestgehend ohne FEM auskommen. Die Sicherheit über die Freiheit zu stellen, sei „gefährlich und auch fachlich falsch“. Zudem steige durch Fixierung und/oder Sedierung die Sturzgefahr: ein Teufelskreis. „Natürlich ist Bewegung auf der einen Seite mit gewissen Risiken verbunden, aber die Immobilisierung eben auch. Es geht nicht um Freiheit statt Fürsorge, sondern um Freiheit durch Fürsorge:  Prophylaxe, Einsatz von Hilfsmitteln wie Hüftprotektoren, Niederflurbetten, GPS-Systemen, die den Aktionsradius erhöhen oder eine Begleitung.“  

Kurz erklärt ...

Prophylaxe bedeutet: vorbeugende Maßnahmen, zum Beispiel ein Bewegungstraining, das die Sturzgefahr vermindert. 

Hüftprotektoren sind Stretch-Höschen oder breite Gürtel mit Polsterung im Hüftbereich. Sie können bei Stürzen vor Hüft- und Oberschenkelbrüchen schützen. Niederflurbetten lassen sich sehr tief absenken. Demenzkranke und sturzgefährdete Menschen können so weitgehend gefahrlos das Bett verlassen; schützende (aber freiheitsberaubende) Bettgitter sind nicht nötig. 

GPS-Systeme geben ein Signal, wenn die Trägerin oder der Träger einen festgelegten Bereich (zum Beispiel das Heimgelände) verlässt. Außerdem kann man eine Person, die sich verirrt hat, über GPS orten. 

Assistieren statt fixieren 

„Begleitung“, was bedeutet das? Thomas Klie vertieft den Ansatz an einem Beispiel, dem Konzept „assistieren statt fixieren“ – ideal für Menschen wie Frau X aus dem Beispiel oben. „Eine Frau, die nachts störte und andere bedrohte, erhielt eine persönliche Assistenz“, schildert der Wissenschaftler. „Das kann man sich vorstellen wie die persönliche Assistenz für Menschen mit Behinderung. In unserem Fall war es ein junger Mann, der sich gut mit ihr verstand. Er spielte mit ihr und begleitete sie auf ihren Spaziergängen.“ Die Frau konnte ihren Drang nach Aktivität und Bewegung (sicher) ausleben, sie fühlte sich nicht eingeschränkt, sondern in ihren Zielen unterstützt, wirkte zufrieden und ausgeglichen. Pflegekräfte könnten und müssten diese Assistenz nicht leisten, betont Thomas Klie: „Hier ist auch die Zivilgesellschaft gefragt. Ein gutes Heim bezieht engagierte Ehrenamtliche ein.“ 

Szene im Freien: Eine jüngere und eine ältere Frau gehen spazieren. Die jüngere hat die ältere untergehakt, sie unterhalten sich.

Pflege kann nicht allein von Fachkräften getragen werden. Neben einem Qualifikationsmix unter den Mitarbeitenden ist die Unterstützung durch Angehörige und Ehrenamtliche wesentlich – auch zur Vermeidung von freiheitsentziehenden Maßnahmen. 

Das Bewusstsein für das Thema freiheitsentziehende Maßnahmen ist sowohl durch Gesetzgebung als auch durch Schulungsprojekte gewachsen. Auch manche Ministerien auf Landesebene, wie in Bayern, haben deutlich dazu beigetragen, dass die Sensibilität gestiegen ist. Es gibt bereits weitgehend fixierungsfreie Heime. In Baden-Württemberg arbeiten wir seit längerem mit Kommunen zusammen, die erfolgreich darauf hinarbeiten, ein fixierungsfreier Landkreis zu werden – oder zu bleiben. 

Professor Dr. Thomas Klie

Ehrenamtliches Engagement zulassen und fördern 

Generell, weiß Thomas Klie, nehme das Interesse, sich ehrenamtlich zu engagieren, deutlich zu, gerade die Älteren engagierten sich so intensiv wie noch nie. „Es gibt Heime“, berichtet Klie, „da sind fast ebenso viele Ehrenamtliche wie Mitarbeiter tätig. Und es gibt Heime, da scheinen die Ehrenamtlichen eher als störend empfunden zu werden. Man möchte sie nicht, weil sie den Betriebsablauf irritieren. Es muss auch darum gehen, dass die Mitarbeitenden den Wert des ehrenamtlichen Engagements erkennen – auch wenn sie bisweilen anstrengend sind. Gute Einrichtungen fördern das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitarbeitenden – auch in berufsfremden Bereichen, ob Umwelt oder Kultur, um Verständnis dafür zu generieren, wie wichtig für die Menschen selbst, aber auch für unsere Gesellschaft die Vielfalt bürgerschaftlichen Engagements ist.“ 

Wie Angehörige vorbeugen können

Meine Mutter kommt ins Heim: Was tun? 

Thomas Klie: „Dieser Beitrag und die Website bayern-gegen-gewalt.de können dazu beitragen, dass sich das Wissen um Gewalt verbreitert. Das ist wichtig. Sensibilisierung ist gefragt und Wissen darüber, wie Gewalt entstehen kann und wie man ihr begegnet. Auch gilt es zu erkennen, dass ich als Angehörige, als Freundin, als Bekannter, weiter gefragt bin, meinen Beitrag zur Teilhabe und zum Wohlergehen des Bewohners zu leisten. Schon bei der Aufnahme ist das Signal wichtig: `Hallo, ich bin da, ich bin erreichbar, ich komme regelmäßig, und wenn irgendetwas schwierig ist, dann meldet ihr euch bitte. Und ich will nicht, dass ihr ohne mich darüber entscheidet, was für eine Medikation er oder sie bekommt ...´ Da wird schon am Anfang deutlich, ob man wahrgenommen wird als eine Person, die sich mit kümmert und mit sorgt oder nicht.“  

Natürlich müsse man sich auch beschweren können, fordert Thomas Klie: „Und das bitte auch, ohne dass ich Sanktionen befürchten muss, dass, sobald ich mich beschwere, es meiner Mutter im Heim schlechter geht. Aber im Wesentlichen ist Koproduktion gefragt und natürlich auch denen gegenüber, die keine An- und Zugehörigen haben. Dann wird es zu einer bürgerschaftlichen Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger in dieser Umgebung nicht alleingelassen sind.“ 

Man kommt ins Heim nicht wegen Blasenschwäche, sondern wegen Netzwerkschwäche.  

Professor Dr. Thomas Klie

Sie haben den Verdacht, dass eine Angehörige oder ein Angehöriger im Heim Gewalt erleidet? Suchen Sie das Gespräch mit der verantwortlichen Pflegekraft, mit der Heimleitung oder, wenn (möglicherweise) weiterhin Gewalt geschieht, mit externen Beratungsstellen. Hier finden Sie Anlaufstellen für Angehörige und Pflegekräfte. Praktische Tipps bietet auch das Info-Angebot der Stiftung ZQP: Wie kann ich andere schützen?

Porträtfoto: eine alte Dame. Sie blickt zur Seite, ins Leere.

Geht es unserer Oma, meinem alten Sportkameraden, der früheren Nachbarin im Pflegeheim gut? Am besten, Sie schauen selbst mal wieder vorbei ... 

Man kann sich heute die Heime nicht mehr wirklich aussuchen. Deshalb kommt es jetzt darauf an, dass überall dort, wo auf Pflege angewiesene Menschen leben, sich die Bürgerinnen und Bürger beteiligen. 

Professor Dr. Thomas Klie
Häusliche Pflege und Gewalt

Was stärkt pflegende Angehörige? 

Ein Großteil der Pflege wird nicht in Heimen geleistet, sondern zu Hause. Nur rund 20 Prozent der Pflegehaushalte werden von einem professionellen Pflegedienst unterstützt, rechnet Thomas Klie vor, 80 Prozent der pflegenden Angehörigen kümmerten sich allein oder beispielsweise bei einer 24-Stunden-Betreuung gemeinsam mit einer sogenannten „Live-In-Kraft“.. Einen Menschen zu pflegen, oft jahrelang, ist anstrengend und enorm belastend. Kommen noch Faktoren wie Demenz hinzu, geraten die Angehörigen oft an ihre Grenzen. Nicht selten kommt es zu Gewalt, auf beiden Seiten – und in den meisten Fällen im Verborgenen. 

Unterstützung suchen, Angebote annehmen 

„An sich haben pflegende Angehörige viele Möglichkeiten, Unterstützung zu suchen und wenn’s gut geht, werden sie auch von Hausärztinnen und -ärzten und anderen auf diese Möglichkeiten verwiesen“, schildert Thomas Klie. „Manche Kommunen haben auch präventive Hausbesuche eingeführt, um den Kontakt zu den Haushalten aufzubauen und zu pflegen, und eben auch in die zum Teil sehr abgeschlossenen, hermetischen Pflegewelten Zugang zu gewinnen. Denn es ist eben in keinster Weise selbstverständlich, dass in den Pflegehaushalten fremde Hilfe und der fremde Blick überhaupt zugelassen wird. Je länger eine Pflegebeziehung dauert, je belasteter sie wird, desto größer ist die Gefahr, dass sich dieser Haushalt hermetisch abschließt und überhaupt keinen mehr reinlässt.“ Dieses Abschotten, dieses Zurückziehen in eigene Regeln erhöhte das Gewaltrisiko und zugleich die Scham: „Oh Gott, was hier jetzt ist, das mag ich gar keinem mehr zeigen.“ 

Ein älterer Mann liegt im Bett. Eine junge Pflegekraft greift seine Hände, um ihm hochzuhelfen.

Ob zu Hause oder im Heim: Pflege gelingt nur Hand in Hand, im Miteinander von Betroffenen, Pflegeprofis, Angehörigen und Ehrenamtlichen. 

Anteil nehmen, Hilfe anbieten, Auszeiten schaffen 

Doch man wisse auch, was pflegende Angehörige stabilisiere und stärke: „resilient“ mache, nennt es Sozialexperte Thomas Klie: „Der Kontakt zu anderen, die Sorge um sich selbst. Zeit für sich selbst, eigene Ziele weiterhin verfolgen. All das sind wichtige Resilienzfaktoren, die in der häuslichen Pflege eine Rolle spielen. Sich die Auszeiten zugestehen.“ Angehörige sind weder Pflegeprofis noch verfügen sie über unbegrenzte Energie. Da sei es wichtig zu sagen: Das schaffe ich nicht alleine! Der Pflegehaushalt dürfe nicht „zu einem Gefängnis für die Pflegenden werden. Das ist gefährlich. Das soll nicht sein. Eine anteilnehmende Umgebung ist wichtig, Nachbarn, die sich nicht zurückziehen, Freunde, die sagen, gerade jetzt bin ich gefragt, nicht im Sinne von Kontrollieren oder Bemitleiden, nein, mitsorgend.“  

Und im äußersten Fall: die Trennung 

Der Umzug in eine stationäre Einrichtung dürfe kein Tabu sein, fährt Thomas Klie fort. Ambulant betreute Wohngemeinschaft verstünden sich als Alternative zu Pflege daheim und Heim. Manchmal wirke die Beendigung eines pathologischen häuslichen Pflegearrangements wie eine Erlösung und ein Neuanfang – für beide –, so Thomas Klie. 

Linktipps für Angehörige & Pflegekräfte

Infos, Beratung, Materialien ... 

Infos rund um Gewalt in der Pflege, Erklärvideos, Tipps für pflegebedürftige Menschen und Angehörige, Ratgeber und Arbeitsmaterialien für Pflegekräfte: Die Website pflege-gewalt.de ist eine nützliche erste (und zweite und dritte) Anlaufstelle, für alle, die Gewalt vorbeugen wollen, Beratung suchen oder im Krisenfall Unterstützung brauchen. Bereitgestellt wird das vielfältige Angebot vom Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP). 

Gewaltprävention in der Pflege: zur Website

ZQP-Ratgeber “Gewalt vorbeugen”

ZQP-Magazin “Gewalt in der Pflege”

ZQP-Schulungsmaterial für Personal in Einrichtungen

ZQP-Materialien zur Gewaltprävention

Freiheitsentziehenden Maßnahmen vorbeugen: Das ist das Ziel der Kampagne „Eure Sorge fesselt mich“ des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege. Auf der Website finden (nicht nur) Pflegekräfte Infos, auch zu rechtlichen Fragen, und weiterführende Literatur. 

Eure Sorge fesselt mich: zur Website

„Pflege in Bayern – gesund und gewaltfrei“ heißt ein aktuelles Projekt der AGP Sozialforschung (Freiburg), der Hans-Weinberger-Akademie der AWO e.V. (München) und der Hochschule München. Die Akteure begleiten und unterstützen 40 Pflegeeinrichtungen auf dem Weg in eine gewaltfreie Pflege. Die Website bietet unter anderem einen umfangreichen Methodenkoffer. 

Pflege in Bayern – gesund und gewaltfrei: zur Website

Anlaufstellen, u. a. für Angehörige und beruflich Pflegende 

Pflege-SOS Bayern ist die Anlaufstelle bei Beschwerden zur pflegerischen Versorgung in stationären Einrichtungen. Pflege-SOS Bayern unterstützt Sie und leitet bei Bedarf Ihre Beschwerde an die geeignete Stelle weiter. Auf Wunsch werden Beschwerden anonym behandelt.  

Zur Website Pflege-SOS Bayern

Fachstellen für pflegende Angehörige beraten, begleiten und entlasten pflegende An- und Zugehörige während der oftmals für lange Zeit übernommenen häuslichen Betreuung und Versorgung einer Person mit Pflegebedarf. Neben dem fachlich inhaltlichen Aspekt ist für viele pflegende An- und Zugehörige der psychosoziale Aspekt der beratenden Begleitung eine wertvolle Stütze. 

Fachstellen für pflegende Angehörige

Fachstellen für Pflege- und Behinderteneinrichtungen (FQA) informieren und beraten Bewohnerinnen und Bewohner, Einrichtungen und deren Träger. Zudem überwachen und kontrollieren sie die Einrichtungen. Bei Mängeln können sie Anordnungen bis zur Betriebsuntersagung erlassen. Hier finden Sie Ansprechpersonen bei den FQA

Der Pflegeservice Bayern ist ein Angebot der gesetzlichen Pflegekassen in Bayern. Er beantwortet alle Fragen rund die Pflege, unterstützt bei der Wahl von Pflegeheimen und häuslicher Pflege, vermittelt Pflegedienste und Haushaltshilfen. Telefonberatung: (0800) 772 1111. Weitere Infos und Rückrufservice: 

Pflegeservice Bayern: zur Pflegeberatung

Auch die Pflegestützpunkte beraten alle Bürgerinnen und Bürger kostenlos zu allen Pflegethemen. Diese haben zudem die Aufgabe, die Vernetzung der Angebote zu koordinieren und unter einem Dach zu bündeln. Träger sind die Pflege- und Krankenkassen gemeinsam mit den Kommunen (Landkreise, kreisfreie Städte, Bezirke). 

Pflegestützpunkt in Ihrer Nähe finden

Die Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB) ist Interessenvertretung und Dienstleisterin für Pflegekräfte. Sie bietet unter anderem eine psychosoziale Krisenberatung (PSU-Hotline: 0800 0 911 912) sowie eine Rechtsberatung und eine Whistleblower-Beratung. Hier erfahren Sie mehr: 

Vereinigung der Pflegenden in Bayern

RemedCARE 

Verdacht auf Gewalt? RemedCARE ist eine rechtsmedizinische Beratungsplattform für Pflegende, Ärzteschaft und Behörden in Bayern. Der konsiliarische Onlinedienst des Instituts für Rechtsmedizin der Universität München ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. 

Weitere Infos: zur Website von RemedCARE

Rechtsmedizinische Beratungsstelle: Infoflyer herunterladen

Rat holen: zum Log-in von RemedCARE

Hier finden Sie Hilfe

Bei ÜBERLASTUNG oder Gewalt in der Pflege

    • Pflege-SOS Bayern

      ist die Anlaufstelle bei Beschwerden zur pflegerischen Versorgung in stationären Einrichtungen.

    • Pflegestützpunkte

      Sie haben Fragen zur Pflege oder brauchen Unterstützung? Die Pflegestützpunkte beraten alle Bürgerinnen und Bürger zu allen Fragen der Pflege.