Illustration: Eine Hand hält eine Rasierklinge.

Selbstverletzung: wenn sich (junge) Menschen „ritzen“

Autsch! Was wehtut, das vermeiden die meisten Menschen: Beim Zwiebelschneiden, Rasieren und Barfußlaufen passen sie auf, dass sie sich nicht verletzen. Es gibt aber auch Menschen, die sich absichtlich schneiden oder ritzen, ihre Haut verbrennen oder verätzen. Das nennt man: Selbstverletzung oder selbstverletzendes Verhalten (SVV). Besonders oft betroffen sind Jugendliche.

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Worterklärung (Definition)

Selbstverletzendes Verhalten (SVV)

Von Selbstverletzung oder selbstverletzendem Verhalten (kurz: SVV) spricht man, wenn ein Mensch sich wiederholt und absichtlich selbst verletzt. SVV kommt oft bei Jugendlichen in der Pubertät vor – besonders bei jungen Menschen mit psychischen Erkrankungen (zum Beispiel Depressionen, Ess- oder Angststörungen) oder Problemen (zum Beispiel geringes Selbstwertgefühl) vor. Doch es gibt auch ältere Menschen, die sich selbst verletzen.

Wie verletzen sich Menschen selbst?

Betroffene Menschen verletzen meist Arme, Beine, Brust und/oder Bauch. Sie schneiden sich (zum Beispiel mit einer Rasierklinge oder Scherbe) tief in die Haut oder bis ins Fleisch, drücken Zigaretten auf ihrem Körper aus, beißen sich selbst, verbrühen sich absichtlich mit heißem Wasser oder schlagen zum Beispiel mit dem Kopf immer wieder gegen die Wand. Der Drang, sich selbst zu verletzen, wird mit der Zeit immer stärker. Manche Menschen fügen sich täglich Verletzungen zu.

Es bleibt nicht bei oberflächlichen Kratzern. Manchmal sind die Wunden so groß oder tief, dass sie im Krankenhaus versorgt werden müssen. Meist verstecken betroffene Menschen ihre Wunden und Narben, zum Beispiel unter langen Ärmeln. Andere zeigen sie bewusst ganz offen.

Ist Selbstverletzung strafbar?

Selbstverletzendes Verhalten ist eine Gewalttat gegen sich selbst. Es ist jedoch nicht strafbar (eine Ausnahme ist die Selbstverstümmlung mit dem Ziel, den Wehrdienst zu umgehen). Menschen, die sich selbst verletzen, dürfen nicht zu einer Therapie gezwungen werden. Ausgenommen sind Kinder und Jugendliche.

Selbstverletzung vs. Selbsttötung

Menschen, die sich selbst verletzen, wollen sich meist nicht selbst töten. Es gibt allerdings Menschen, die sich selbst verletzen, um sich von einem Todeswunsch abzulenken. Manchmal fügen sich Menschen beim Selbstverletzen unbeabsichtigt so schwere Wunden zu, dass sie sterben.

Wie häufig kommt SVV vor?

Innerhalb eines Jahres verletzen sich 14 Prozent der Jugendlichen in Deutschland absichtlich selbst (= „Ein-Jahres-Prävalenzrate“. Prävalenz ist die Häufigkeit, mit der eine Krankheit auftritt). Jeder vierte Jugendliche zeigt einmal in seinem Leben selbstverletzendes Verhalten; 4 Prozent der Jugendlichen wiederholen das SVV. (Quelle und weitere Infos: zum Infoportal für psychische Gesundheit)

Ursachen

Warum verletzen Menschen sich selbst?

  • Oft sind seelische Belastungen die Ursache für eine Selbstverletzung.
  • Die (meist jungen) Menschen fühlen sich von ihren massiven Gefühlen überwältigt. Durch das Ritzen bauen sie vorübergehend Druck, Wut oder Angst ab. Oder: Sie überdecken mit dem körperlichen Schmerz eine Verletzung der Seele.
  • Wer sich ganz leer und verloren fühlt, verletzt sich, um sich wieder zu spüren – und sei es auch nur durch den Schmerz.
  • Manche betroffene Menschen verletzen sich selbst, um sich zu bestrafen.
  • Für manche Jugendliche ist das Ritzen ein Triumph: Sie halten etwas aus, was die meisten anderen nicht ertragen würden.
  • Die Selbstverletzung kann „Glückshormone“ (Endorphine) freisetzen. Viele Menschen, die sich selbst verletzen, können nicht mehr damit aufhören. SVV kann zur Sucht werden.
  • Selbstverletzung ist meist auch ein Hilferuf.
Ein Jugendlicher lehnt sich mit dem Kopf gegen eine Wand. Er wirkt verzweifelt.

Symbolbild: Meist sind es junge Menschen, die sich selbst verletzen. Die Ursachen sind vielfältig. Oft stecken schwere seelische Belastungen hinter dem „Ritzen“.

Wussten Sie schon ...
5 Fragen, 5 Fakten

Was nicht nur Eltern über Selbstverletzung wissen sollten

Einige typische Beispiele: Ein junger Mensch ...

  • trägt immer lange Ärmel und Hosen, auch wenn alle anderen in Badesachen herumlaufen,
  • verbringt auffällig viel Zeit im Badezimmer (aber offensichtlich nicht, um sich die Haare zu waschen, sich zu schminken oder zu stylen),
  • versteckt Pflaster, Verbände, Desinfektionsmittel und/oder Gegenstände wie Scheren, Rasierklingen, Scherben, Kerzen usw. in seinem Zimmer,
  • hat Schnittwunden an den Armen oder Beinen, die wie nach einem bestimmten Muster angeordnet sind,
  • kann seine vielen, schlecht heilenden Schnitt-, Brand- oder Kratzwunden nicht glaubwürdig erklären.

Es ist schwierig, an einen jungen Menschen heranzukommen, der sich selbst verletzt. Unser Tipp:

  • Sprechen Sie möglicherweise betroffene Jugendliche behutsam an.
  • Machen Sie keine Vorwürfe! Machen Sie keinen Druck!
  • Signalisieren Sie: Ich nehme dich ernst. Ich möchte dich verstehen.
  • Hören Sie einfühlsam zu.
  • Wenn die/der Jugendliche das Gespräch abblockt und/oder sich weiter verletzt: Suchen Sie frühzeitig Unterstützung in einer Beratungsstelle. Oft fällt es betroffenen Menschen viel leichter, sich gegenüber Profis zu öffnen!

Körperschmuck wie Piercings oder Tattoos gilt nicht als Selbstverletzung – auch wenn er buchstäblich „unter die Haut geht“ und das Piercen oder Tätowieren ziemlich wehtun kann. Es gibt allerdings Menschen, die sich zum Beispiel tätowieren lassen, um sehr schlimme Erfahrungen (= Traumata) zu verarbeiten. Für sie kann die Vollendung des Tattoos auch bedeuten: „Ich kann einen Schlussstrich ziehen.“

Vom Körperschmuck zur Kunstform: Manche Künstlerinnen und Künstler verletzen sich im Rahmen von Performances oder in der Aktionskunst bewusst selbst. Die Wunde oder das Blut werden zum Ausdrucksmittel.

Eine Selbstverletzung ist meist kein Suizidversuch. Manche Menschen, die sich selbst verletzen, haben aber den Wunsch zu sterben. Auf jeden Fall sollte man selbstverletzendes Verhalten als Hilferuf auffassen.

Geeignete Behandlungsmethoden bietet die Psychotherapie. Mit Profihilfe kann der betroffene Mensch unter anderem herausfinden, was hinter seinem Drang zur Selbstverletzung steckt und wie er sich von seelischen Belastungen auf andere Weise befreien kann. Die Therapie kann bei Bedarf durch Medikamente – zum Beispiel Antidepressiva – unterstützt werden.

Hier finden Sie Hilfe
SELBSTVERLETZUNG: BERATUNG & HILFE
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