Porträtfoto: Fadumo Korn.

Aktiv gegen FGM: Porträt Fadumo Korn

Fadumo Korn kam in Somalia als Nomadin zur Welt. Heute lebt sie in München, arbeitet als Autorin, Dolmetscherin, Kulturmittlerin – und engagiert sich gegen die weibliche Genitalbeschneidung (FGM). Diese massive Gewalt hat sie selbst erfahren. Um anderen Mädchen und Frauen zu helfen, erzählt Fadumo Korn, was für viele Betroffene ein Tabu ist: ihre ganz persönliche Geschichte.

Über Fadumo Korn

Eine Löwin kämpft für Mädchen und Frauen

Porträtfoto: Fadumo Korn.

Fadumo Korn, Autorin, Dolmetscherin, Kulturmittlerin und Aktivistin, kam in Somalia zur Welt. Seit mehr als 40 Jahren lebt sie in Deutschland und fühlt sich „schon lange als Bayerin“.

Seit 1999 setzt sich Fadumo Korn gegen die weibliche Genitalverstümmelung (englisch: Female Genital Mutilation, kurz FGM) ein. Bei Donna Mobile e. V. arbeitet Fadumo Korn in der FGM-Prävention. Der Münchner Verein engagiert sich unter anderem für die Gesundheitsversorgung und berufliche Integration von Migrantinnen.

2012 hat Fadumo Korn den bundesweiten Verein NALA e. V. mitgegründet. „Nala“ ist Swahili (früher: Kisuaheli; eine in Ostafrika weit verbreitete Sprache) und heißt auf Deutsch: Löwin. Der Verein berät und unterstützt Mädchen und Frauen, die von FGM betroffen oder bedroht sind. Die Aufklärungsarbeit von NALA richtet sich an Familien, für die FGM zur Tradition gehört, genauso wie an Fachkreise in Deutschland, zum Beispiel aus Medizin und Pflege, Schule und Jugendarbeit, Justiz und Polizei. Unter dem Motto „Bildung statt Beschneidung“ führt NALA e. V. auch im Ausland Projekte durch. (Mehr erfahren: zum Beitrag „Bildung statt Beschneidung“).

Im Jahr 2011 wurde Fadumo Korn für ihr Engagement gegen FGM mit der Verdienstmedaille der Bundesrepublik ausgezeichnet.

Fadumo Korns Geschichte

Der Morgen nach dem Fest

Fadumo Korn kam in Somalia in einer Nomadenfamilie zur Welt. Sie zog von klein auf mit der Familie und den Kamelen zu neuen Weidegründen, lernte die Ziegen zu hüten, Spuren zu lesen, die Natur zu verstehen, Gefahren zu hören und zu riechen: den heraufziehenden Sturm, den noch weit entfernten Löwen. Sie lernte, auf dem langen Weg zur nächsten Wasserstelle quälenden Durst zu ertragen und erlebte Kämpfe zwischen verfeindeten Familien. Sie sammelte Erfahrungen, die sie ein Leben lang prägen sollten. „Ich bestehe nur aus Erfahrungen“, lacht Fadumo Korn heute.

Die kleine Fadumo fühlte sich geliebt und stark. Sie bewunderte ihre großen Brüder, behauptete sich unter den Geschwistern und verstand es, ihren Vater um den Finger zu wickeln; als Hirtin erfüllte sie eine wichtige Aufgabe in der Familie. Als sie sieben Jahre alt war, gab ihre Familie für sie ein Fest. Ihr Bruder kam aus der Stadt zu Besuch, brachte Fadumo Geschenke mit, sie fand sie wunderschön. Auch eine alte Frau traf ein, die nicht zur Familie gehörte: die Beschneiderin.

Ein mulmiges Gefühl

Die Beschneidung der Mädchen: Das war einerseits etwas, worüber man sprach. Die älteren, schon beschnittenen Mädchen hänselten gern die jüngeren: „Du bist unsauber!“ Doch was eine Beschneidung bedeutet, was dabei geschieht: Darüber sprach niemand, nicht einmal die Mädchen ganz heimlich im Flüsterton. Wie eine Beschneidung durchgeführt wird, welche Folgen sie hat, welches Leid sie bedeutet: Das war und ist bis heute ein Tabu.

Was geschieht bei einer Beschneidung? Darüber sprach niemand, nicht einmal im Flüsterton.

Und so hatte Fadumo zwar ein etwas mulmiges Gefühl – aber keine Ahnung, was sie erwarten würde.

Am nächsten Morgen rüttelte ihre Mutter Fadumo aus dem Schlaf und verließ bei Sonnenaufgang mit ihr und einer Tante den Lagerplatz. Sie gingen ein Stück weit, dann gesellte sich die Beschneiderin zu ihnen. Plötzlich witterte Fadumo die Gefahr. „In meinem ganzen Körper breitete sich Panik aus“, schildert Fadumo Korn, „Ich wollte weglaufen, doch meine Mutter und meine Tante stürzten sich auf mich.“

Explosionen im Kopf

Die Frauen drückten Fadumo nieder, zwangen ihren Mund auf und schoben ihr ein Beißholz zwischen die Zähne. Dann hockte sich die Beschneiderin zwischen Fadumos Beine und zückte eine Klinge. Beim ersten Schnitt schoss der Schmerz wie Blitzschläge durch den Körper des Kindes. „Ich spürte Explosionen in meinem Kopf und es gab keine Faser in meinem Körper, die nicht geschrien hat. Das Blut, das meinen Körper herablief, fühlte sich eiskalt an.“

Was danach geschah, kann Fadumo Korn nicht in Worte fassen. „Ich sah das Gemetzel wie von oben, innerlich tot. Dann wurde ich ohnmächtig, Gott sei Dank.“ Die Beschneiderin beendete ihre Arbeit, indem sie den Scheidenausgang des Kindes mit Dornen verschloss. Nur eine reiskorngroße Öffnung bleibt bei dieser Form der Beschneidung. Durch diese müssen Urin und, wenn die Mädchen in die Pubertät kommen, auch Menstruationsblut tröpfchenweise abfließen.

Wenn Fadumo Korn ihre Geschichte erzählt, in Krankenhäusern oder in politischen Gremien, dann wird es ganz still. Chefärzte lauschen atemlos, hartgesottene Politiker weinen. „Und dann“, sagt Fadumo Korn, „dann können wir anfangen, miteinander zu reden.“

„Rein, schön und leuchtend“

Nach ihrer Beschneidung ist die kleine Fadumo eine andere. „Rein, schön und leuchtend“, sei sie nun, sagt ihre Mutter, „und von Gott geliebt. Denn Gott mag keine unreinen Mädchen in seinem Paradies.“ Doch Fadumo fühlt sich nicht leuchtend, sondern entmachtet und versehrt. Sie ist traumatisiert, leidet an Schmerzen, Entzündungen, hohem Fieber.

Fadumo kann nicht mehr mit ihrer Familie ziehen; sie kann kaum laufen. Die Eltern schicken sie zu einem Onkel nach Mogadischu. Dort macht sie ganz neue Erfahrungen, entdeckt ein somalisch-europäisch geprägtes Großstadtleben. Sie besucht die Schule, schließt sie ab; an ihren Verletzungen leidet sie weiter. Eine Rheumaerkrankung wird festgestellt, möglicherweise eine Spätfolge der Beschneidung. Das Rheuma verkrümmt Fadumos Finger und Zehen. Ihre Kniegelenke sind oft steif und geschwollen; jede Bewegung schmerzt.

Eine neue Erfahrung des Frauseins

Schließlich schickt der Onkel Fadumo zur Behandlung nach Europa: nach Rom, Bonn und schließlich München. Operationen und Therapien reihen sich aneinander, monate- und jahrelang. Fadumo wächst zur jungen Frau heran. Sie lernt, mit ihren körperlichen Einschränkungen und den Schmerzen zu leben. Sie bleibt in Deutschland, findet Freunde, ein Zuhause, die große Liebe. Und schließlich auch einen Arzt, der bereits beschnittene Frauen behandelt hat. Von ihm lässt sie sich operieren. Nach einem langen Heilungsprozess kann sie ihr Frausein ganz neu erfahren und zum ersten Mal genießen. Fadumo Korn macht eine Ausbildung, heiratet, bekommt einen Sohn.

Arbeit als Aktivistin

Fadumo Korn kocht in großen Töpfen

1999 sieht Fadumo Korn einen Dokumentarfilm über weibliche Genitalbeschneidung im Fernsehen. Den Film findet sie „grausam, schockierend und respektlos. Es wurde nur über betroffene Frauen gesprochen, nicht mit ihnen: als seien sie Dinge.“ Fadumo Korn ist wütend. „Aber meine Wut setzt positive Energien frei.“

Fadumo Korn stammt aus einer mächtigen somalischen Familie. Sie wuchs unter Menschen auf, die Einfluss hatten und Verantwortung übernahmen. „Ein Somalier kann nicht für zwei Leute kochen“, erzählt sie. „Es könnte ja immer jemand vorbeikommen, der Hunger hat, der in Not ist.“ Bis heute kocht Fadumo Korn in großen Töpfen.

Auch im übertragenen Sinn. Nachdem sie den Film gesehen hat, beginnt sie sich zu vernetzen und macht die weibliche Genitalbeschneidung zum Thema in der Politik und in Fachkreisen, zunächst in München, dann auf Bundesebene. Dabei vermittelt sie: Betroffene Mädchen und Frauen brauchen Beratung und Unterstützung, hier, vor Ort. Und gleichzeitig muss in Deutschland wie in den Herkunftsländern die Aufklärungsarbeit in den Familien und in der Gesellschaft vorangetrieben werden. Fadumo Korn findet Gleichgesinnte und Mitstreiterinnen. Aus diesem Engagement entsteht unter anderem NALA e. V.

Vertrauen hier, Überraschungseffekt da

Mädchen und Frauen, die beschnitten wurden oder von Beschneidung bedroht sind, fassen Vertrauen zu Fadumo Korn: Die Aktivistin kennt ihren Schmerz und versteht ihre Ängste. Und auch in der Politik und in Fachkreisen weckt Fadumo Korn Aufmerksamkeit. „Ich bin schwarz, ich bin eine Frau, ich habe eine sichtbare Behinderung und ich kann gut Deutsch: Ich bin eine Überraschung für die Leute!“ Fadumo Korn nutzt den Überraschungseffekt, um ein Thema von seinem Tabu zu befreien, das Europa längst erreicht hat: Durch Zuwanderung und Flucht leben heute Zehntausende Mädchen und Frauen in Deutschland, die von FGM betroffen oder bedroht sind. Mit ihrer Offenheit überwindet Fadumo Korn Vorurteile, Halbwissen, Desinteresse und Ablehnung.

Ihre eigene Geschichte zu erzählen, damit immer weniger Frauen eine ähnliche Geschichte erleiden müssen: Das ist Fadumo Korns Mission.

Fadumo Korn spricht vor der Polizei, vor Juristinnen und Juristen, in politischen Gremien, in Krankenhäusern, wo Ärzteschaft, Pflegekräfte und Hebammen oft noch wenig über FGM wissen und nicht ahnen, für welches gewaltige und dauerhafte Leid die Narben ihrer Patientinnen stehen. „Wenn ich auftrete“, sagt Fadumo Korn, „dann bringe ich keine PowerPoint-Präsentation mit. Ich bringe mich selber mit.“ Ihre eigene Geschichte zu erzählen, damit immer weniger Frauen eine ähnliche Geschichte erleiden müssen: Das ist Fadumo Korns Mission.

Wenn Fadumo Korn spricht, wird es im Vortragssaal immer stiller. Zum Schluss sagt sie, könne man eine Stecknadel auf den Boden fallen hören. Fadumo Korn erlebt, wie Chefärzte atemlos lauschen, wie hartgesottene Politiker weinen. „Und dann“, lächelt Fadumo Korn und hebt eine Augenbraue, „dann können wir anfangen, miteinander zu reden.“ Darüber, wie man in Deutschland beschnittenen Frauen ein Leben mit weniger Schmerz und mehr Würde ermöglichen kann – und dazu beitragen, dass ihren kleinen Töchtern die Grausamkeit der Beschneidung erspart bleibt. (Wie? Lesen Sie hier weiter: zum Blogbeitrag „Bildung statt Beschneidung“)

FGM: eine schreckliche Tat aus Liebe

Als Dolmetscherin und Kulturmittlerin wird Fadumo Korn von sozialen und medizinischen Einrichtungen genauso gebucht wie von der Polizei, von Gerichten, von Kitas und Schulen. „Es erfüllt mich mit Wärme, wenn ich mit Menschen arbeite“, sagt sie.

Was macht eine Kulturmittlerin?

„Die Sprache allein reicht oft nicht, um einander zu verstehen“, erklärt Fadumo Korn. Es gehe viel um Zwischentöne, um Mimik und Gesten, auch darum, wie man in einer anderen Kultur Respekt ausdrücke. „Meine Aufgabe ist es, beide Kulturen abzuholen, auf Augenhöhe zueinander zu bringen und Fettnäpfe zu umgehen.“ Dafür überzeugt Fadumo Korn Polizeibeamte im Einsatz schon mal davon, sich im Flur einer Wohnung die Schuhe auszuziehen. Und sie bittet männliche Polizisten, ihre Waffe verdeckt zu tragen; die weibliche Kollegin dagegen soll sie offen zeigen. Dies, erklärt Fadumo Korn, vermittele ganz ohne Worte, dass Frauen in unserer Gesellschaft anerkannt und mächtig seien.

Apropos Wärme: Was empfinden Eltern gegenüber einer Tochter, die sie der Beschneiderin übergeben? „Liebe“, antwortet Fadumo Korn. „Sie begehen eine schreckliche Tat aus Liebe. Denn sie wollen, dass ihre Tochter einen Platz in der Gesellschaft findet.“ Fadumo Korn setzt in ihrer Arbeit auf Aufklärung. Aber sie fordert auch Strafen für Familien, die ihre Töchter trotz aller Aufklärungsarbeit heute noch beschneiden lassen, denn: „Bei einer Beschneidung nimmt man in Kauf, dass man ein Mädchen tötet.“

Weiterlesen: über FGM

Was ist weibliche Genitalverstümmelung? Welche Formen gibt es? Wie viele Frauen sind weltweit betroffen? Ist die Beschneidung von Mädchen strafbar? Antworten auf diese und viele weitere Fragen finden Sie hier:

Zur Themenseite: weibliche Genitalverstümmelung (FGM)

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