Illustration: Eine Frau schreit einen Mann an. Er steht mit gesenktem Kopf vor ihr.

Häusliche Gewalt gegen Männer: es gibt Hilfe!

Häusliche Gewalt gegen Männer: Was steckt genau hinter diesem Begriff? Wo finden Männer Infos, Beratung und Hilfe? Und wie läuft eine Beratung für männliche Gewaltopfer ab? Philipp Schmuck leitet die Beratungsstelle Häusliche Gewalt gegen Männer – eine Anlaufstelle für Betroffene in Nordbayern mit Sitz in Nürnberg. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was männliche Gewaltopfer erleiden, warum es meist lange dauert, bis sie Hilfe suchen – und wie er sie unterstützen kann.

Gewalt gegen Männer: 7 Fragen an den Beratungsprofi

Mit dem Thema Gewalt und Männern beschäftige sich Philipp Schmuck seit vielen Jahren als Mitglied bei der Gewaltberatung Nürnberg e. V. Der Verein unterstützt Täterinnen und Täter, die den Kreislauf der häuslichen Gewalt unterbrechen wollen und nach gewaltfreien Lösungswegen suchen. „Unsere Beraterinnen und Berater haben erzählt, dass sich immer wieder Männer bei ihnen gemeldet und gesagt haben: `Ich weiß, dass Sie nur Täterberatung anbieten – aber ich habe keine Ahnung, wohin ich mich als Opfer wenden kann!“

Porträtfoto: Philipp Schmuck.

Seit seinem Studium der Sozialen Arbeit beschäftigt sich Philipp Schmuck mit geschlechterspezifischen Fragen. Er lernte Vater-Kind-Gruppen, Väterstammtische und Jungengruppen kennen; später engagierte er bei der Gewaltberatung Nürnberg e. V. Seit sieben Jahren arbeitet er beim Institut für Soziale und Kulturelle Arbeit (ISKA) in Nürnberg. Seine erste Station war die Fachstelle Umgangskontakte, einer Anlaufstelle für getrennt lebende Eltern. Seit Ende 2019 leitet er die Beratungsstelle Häusliche Gewalt gegen Männer (Foto: Tanja Elm)

Das hat sich inzwischen geändert; heute gibt es einige Anlaufstellen für Männer, die häusliche Gewalt erleiden; das Bayerische Sozialministerium fördert mehrere Modellprojekte im Rahmen des Konzepts zur Gewaltprävention und zum Gewalt­schutz. Eines ist die Beratungsstelle Häusliche Gewalt gegen Männer in Nürnberg, getragen vom Institut für Soziale und Kulturelle Arbeit (ISKA). Philipp Schmuck leitet die Stelle, arbeitet selbst in der Beratung und kümmert sich intensiv um die Öffentlichkeitsarbeit, denn: „Es ist wichtig, dass in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für betroffene Männer entsteht!“ Hier klärt Philipp Schmuck für uns sieben wichtige Fragen rund um häusliche Gewalt gegen Männer:

Philipp Schmuck: „18,7 Prozent der Menschen, die häusliche Gewalt bei der Polizei anzeigen, sind Männer. Aber wie viele Männer sind betroffen, ohne Anzeige zu erstatten? Die Dunkelziffer ist vermutlich sehr hoch. Männern fällt es generell schwer, zuzugeben, dass es ihnen nicht gutgeht und dass sie Unterstützung brauchen. Sie gehen ja auch seltener zu Vorsorgeuntersuchungen!“

„Männer sind oft von seelischer Gewalt betroffen, sie werden von ihrer Partnerin oder ihrem Partner kontrolliert, von ihrem Freundeskreis ferngehalten, gedemütigt, bedroht oder erpresst. Sie werden auch körperlich angegriffen, zum Beispiel geschubst, getreten, verbrüht oder mit Gegenständen oder Waffen verletzt, von der Flasche bis zum Messer. Und auch sexualisierte Gewalt kommt vor, wenn zum Beispiel ein Mann durch emotionalen Druck zum Sex gedrängt wird, obwohl er das nicht möchte.“

„Bei häuslicher Gewalt geht es häufig um Macht, um die Durchsetzung des Willens. Die Gewalt kann in einer Beziehung schon von Anfang an angelegt sein. Manche Männer berichten: `Meine Freundin war total eifersüchtig, sie hat mich ständig kontrolliert und unter Druck gesetzt; sie wollte nicht, dass ich meine Freunde treffe´ Manchmal lösen belastende Lebensereignisse Konflikte aus die Gewalt nach sich ziehen. Das ist vielleicht die Geburt eines Kindes, die viel Freude bedeutet, aber auch Stress. Oder eine Trennung. Oder die Ausgangsbeschränkungen während der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020, als viele Paare zehn, zwölf Wochen lang auf engem Raum ohne Ausweichmöglichkeiten leben mussten.“

„Die Folgen der Gewalt sind vielfältig und schwer. Der Mann verliert sein Selbstbewusstsein, sein Selbstwertgefühl und seine Lebenszufriedenheit. Nach außen spielt er seinen Leidensdruck herunter; so gerät er in immer tiefere soziale Isolation, aus der er häufig alleine keinen Ausweg mehr findet.“

„Den betroffenen Männern ist häufig klar: Was mir da passiert, ist nicht in Ordnung. Aber sie sagen nicht: `Das war ein Übergriff.´ Sie vertrauen nur selten einem anderen Menschen an, dass sie Gewalt erleben.

Auch in Fachkreisen war Gewalt gegen Männer bis vor kurzem kaum ein Thema. In den 80er und 90er Jahren gab es erste, einzelne Veröffentlichungen. 2004 erschien eine Pilotstudie des Bundesfamilienministeriums zur Gewalt gegen Männer, dennoch wird immer noch festgestellt, dass zu diesem Thema noch viel Forschung notwendig ist.

Männer erleben deshalb immer noch, dass sie nicht ernstgenommen werden, wenn sie von ihrer Gewalterfahrung berichten. Dass ein Mann nicht der Täter, sondern das Opfer häuslicher Gewalt ist: das passt nicht zum Rollenbild, das in unserer Gesellschaft vorherrscht.

Seit drei, vier Jahren nimmt das Interesse zu. In Bayern werden Fachkreise auch durch das Gewaltschutz-Konzept des Sozialministeriums zunehmend auf häusliche Gewalt gegen Männer aufmerksam. Doch das Thema häusliche Gewalt gegen Männer braucht noch viel mehr Öffentlichkeit. Neben meiner Beratungsarbeit bin ich auch viel in Sachen Öffentlichkeitsarbeit in Nordbayern unterwegs. Für die Medien ist das Thema noch neu und `exotisch´, sie sind sehr interessiert.“

„Nein! Kein Mann ist schwach oder ein `Versager´, wenn er von häuslicher Gewalt betroffen ist. Aber sie leiden unter der erlebten Gewalt. Die Männer, die zu uns zur Beratung kommen, zeigen sich mutig, willensstark und souverän. Sie schlagen nicht zurück, sondern suchen nach einer guten Lösung, einer echten Perspektive.“

„Viele Männer holen sich lieber professionelle Hilfe, als ihre Not im Freundeskreis anzusprechen. Inzwischen gibt es in Bayern Anlaufstellen in Nürnberg, Augsburg und München, außerdem ein bayernweites Hilfetelefon. Die Beratungsstellen bieten Information und Orientierung, sie beraten und begleiten die Männer bei Bedarf über einen längeren Zeitraum.“

Sie sind von Gewalt betroffen?

Hier finden Sie Infos und Links zu Anlaufstellen, vom bayernweiten Hilfetelefon „Gewalt an Männern“ bis zu Beratungsstellen und Wohnungen:

Häusliche/sexualisierte Gewalt: Anlaufstellen für Männer

Männliche Gewaltopfer: Wie läuft eine Beratung ab?

Meine Freundin/mein Freund demütigt mich, auch vor anderen. Meine Frau/mein Mann kontrolliert mein Handy und hat meinen Kontozugang gesperrt. Meine Partnerin/mein Partner schlägt mich ... Egal, welche Form von häuslicher Gewalt Männer erleben: Bei Beratungsstellen finden sie offene Ohren, Rückhalt und Unterstützung.

Philipp Schmuck von der Beratungsstelle „Häusliche Gewalt gegen Männer“ in Nürnberg schildert, wie eine Beratung ablaufen kann:

  • Das Thema arbeitet lange in den Männern. Es kann sein, dass sie unsere Adresse einige Monate lang mit sich herumtragen. Wenn sie dann Kontakt aufnehmen, werden sie meist ganz konkret. Sie schildern ihre Situation und sagen: `Ich werde geschlagen.´ Dabei schwingt oft die Frage mit: `Bin ich hier richtig?´ Bisher waren alle Männer bei uns richtig!
  • Gut zu wissen: Die Beratung ist kostenlos und anonym, der Mann muss seinen Namen nicht nennen.
  • Einige Männer suchen konkrete Infos, zum Beispiel zum Gewaltschutzgesetz. Dieses Gesetz hat die rechtliche Grundlage für den Umgang mit Gewalt im häuslichen und privaten Umfeld geschaffen. Es sorgt zum Beispiel dafür, dass Menschen, die zu Hause angegriffen oder massiv bedroht wurden, nicht mehr selbst die Wohnung verlassen und woanders Zuflucht suchen müssen. Stattdessen kann die Täterin oder der Täter der Wohnung verwiesen werden.
  • Bei manchen Männern entwickelt sich ein längerer Beratungsprozess. Dann kann es zunächst darum gehen, gemeinsam mit dem Mann Worte dafür zu finden, was ihm passiert ist und ihm zu vermitteln: Was er erlebt hat, ist Gewalt. Das ist nicht in Ordnung. Er ist nicht schuld!

Was sind die wichtigsten Botschaften an Männer, die häusliche und/oder sexualisierte Gewalt erleben? Philipp Schmuck sagt: „Erstens: Sie sind nicht allein! Zweitens: Es gibt Hilfe!“

  • Der nächste Schritt ist, dass der Mann überlegt: „Was ist mir wichtig? Möchte ich mich trennen oder an der Beziehung arbeiten? Wie kann ich mich trennen, ohne wieder Gewalt erleiden zu müssen? In welcher Situation spreche ich die Trennung an? Was ist der richtige Zeitpunkt? Meine Partnerin/mein Partner flippt aus, wenn ich ihr/ihm sage, dass ich mich trennen will: Dann bin ich besser nicht in ihrer/seiner Nähe. Aber sie/er beruhigt sich später wieder, dann können wir in Ruhe reden.“
  • Ich kläre dann mit dem Mann: Fühlen Sie sich auf diesem Weg sicher? Können Sie auf Ressourcen zugreifen: zum Beispiel einen vertrauten Menschen, den Sie einbeziehen können?
  • Alle Männer können sich an die Beratungsstelle wenden, hetero- und homosexuelle Männer. Bei Bedarf wird auch in eine andere Fachberatungsstelle vermittelt. Wenn die Gewalt direkt mit der Homosexualität zusammenhängt – wenn der Partner zum Beispiel droht, den betroffenen Mann gegen dessen Willen zu outen –, dann kann ich Männer auch das Sub e.V . in München empfehlen, ein Beratungsangebot für queere Männer.

Gewalt gegen Männer: Was tun bei akuter Gefahr?

Wenn ein Mann in akuter Gefahr ist, muss er sofort handeln: Aus der Wohnung flüchten oder den Notruf 110 wählen. Scheuen Sie sich nicht, die Polizei anzurufen! Wenn Sie in Sicherheit sind: Beziehen Sie einen vertrauten Menschen ein oder suchen Sie sich Profi-Hilfe.

Workshops für Männer in besonderen Lebensphasen

Die Nürnberger Beratungsstelle „Häusliche Gewalt gegen Männer“ plant Workshops zur Prävention von Gewalt. Das Angebot richtet sich an Männer in herausfordernden Situationen: zum Beispiel vor der Geburt eines Kindes oder während einer Trennung. An vier Abenden können sich die Teilnehmer darüber austauschen, was sie belastet, wovor sie Angst haben, wie sie Konflikte vermeiden können. Den Fokus setzen die Männer selbst, ganz nach ihren Bedürfnissen.

Falls die Corona-Situation es zulässt, soll der erste Workshop Ende September 2020 in Nürnberg stattfinden. Infos bekommen interessierte Männer bei der Beratungsstelle „Häusliche Gewalt gegen Männer“ in Nürnberg.

Lesetipp: Wohnung für gewaltbetroffene Männer

Für Männer, die häusliche Gewalt erleiden, gibt es in Bayern über die Beratungsangebote (siehe unten) hinaus auch zwei Wohnungen, in denen sie dem Gewaltkreislauf entkommen können. Wie können sie gewaltbetroffenen Männern helfen? Wir haben uns für Sie in der Wohnung ADAMI schlaugemacht:

Zur Reportage „Krafttankstellen: Wohnungen für gewaltbetroffene Männer“

Bayern: Hilfenetz für gewaltbetroffene Männer

Fast jedes fünfte Opfer häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt ist ein Mann. Bayern hat gemeinsam mit engagierten Trägern mehrere Anlaufstellen für männliche Gewaltopfer geschaffen:

Für Nordbayern

Für Südbayern

Darüber hinaus gibt es in München beim Sub e. V. schon lange eine Beratungsstelle für schwule, bisexuelle, queere und trans*Männer.

Freistaat fördert Modellprojekte

Der Freistaat Bayern fördert die Modellprojekte mit Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales. Verankert sind die Maßnahmen im bayerischen Gesamtkonzept für Gewaltschutz und Gewaltprävention. Im Rahmen eines Drei-Stufen-Plans stellt Bayern jährlich vier Millionen Euro für den Gewaltschutz und die Vorbeugung (Prävention) von häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt gegen Männer zur Verfügung. Hier erfahren Sie mehr:

Über das Konzept „Bayern gegen Gewalt“