Foto: Dr. Tobias Skuban-Eiseler sitzt in Jeans und Pulli an einem Besprechungstisch. Er lächelt freundlich.

Traumaambulanzen: schnelle Hilfe nach Gewalt!

Körperliche und sexualisierte Gewalt wirken auch auf die Psyche: die Gefühle, das Denken und die Antriebskraft eines Menschen. Oft sind Betroffene nach einer Gewalttat wie gelähmt, können ihren Alltag nicht mehr bewältigen. Bayerns Traumaambulanzen bieten schnelle Hilfe, unbürokratisch und ohne Wartezeiten. Dr. Tobias Skuban-Eiseler hat uns die kbo-Traumaambulanz am Atriumhaus in München vorgestellt.

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Über ...

Dr. Tobias Skuban-Eiseler

Porträtfoto: Dr. Tobias Skuban-Eiseler.

Dr. Tobias Skuban-Eiseler ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Bevor er sich 2014 für den Wechsel ans Münchner Atriumhaus entschied, verbrachte er dort einen Schnuppertag. Das wertschätzende, freundliche und professionelle Klima „fand in mein Herz“, erinnert er sich. Heute ist er oberärztlicher Leiter des Atriumhauses. Die Arbeit in der Krisenhilfe schätzt er als „intellektuell spannend. Hier lernt man das Leben wirklich kennen, hier trifft man alle Arten von Menschen und tritt mit ihnen in eine – professionelle persönliche – Beziehung.“ Die Leistung der Traumaambulanz beschreibt Skuban-Eiseler mit kurzen, starken Worten: „Wir können rasch spürbare Hilfe leisten!“

Die Traumaambulanz am Atriumhaus München

Das Atriumhaus München, eine Einrichtung des kbo Isar-Amper-Klinikums, ist seit 1994 eine Anlaufstelle für Menschen in seelischer Not und in Krisen. Betroffene finden Hilfe auf einer Krisenstation, in der Tagesklinik und mehreren Ambulanzen. 2021 wurde in Zusammenarbeit mit dem Zentrum Bayern Familie und Soziales (ZBFS) die Traumaambulanz am Atriumhaus (zum Infofolder, PDF) eröffnet. Das Angebot der Traumaambulanz richtet sich an Erwachsene, die unter den Folgen einer Gewalttat leiden. Das Ziel: schnell, unbürokratisch und wirksam helfen und so Langzeitfolgen und Spätfolgen verhindern. Gewaltbetroffene Menschen finden Beratung, Orientierung und alltagsbezogene Hilfe in bis zu 15 Therapiesitzungen. Menschen mit einer schweren Erkrankung können in die psychiatrische Institutsambulanz übernommen und dort über einen längeren Zeitraum behandelt werden. Voraussetzung: Sie stammen aus dem „Versorgungssektor“ des Atriumhauses, das ist aktuell der Münchner Süden und Westen.

Kurz erklärt: Langzeitfolgen & Spätfolgen

... bezogen auf Gewalt:

Langzeitfolgen treten relativ bald nach einem Gewalterlebnis auf und halten lange an.

Spätfolgen treten oft erst lange nach dem Gewalterlebnis (= „spät“) auf.

Worterklärung (Definition)

Was ist ein Trauma?

Das griechische Wort „Trauma“ (Mehrzahl: Traumata) bedeutet: Wunde. In der Medizin und Psychologie bezeichnet man mit dem Begriff sowohl körperliche als auch seelische Verletzungen.

In diesem Beitrag geht es ausschließlich um seelische Traumata („Psychotraumata“) nach einer Gewalttat.

Psychotraumata können durch belastende Erlebnisse ausgelöst werden, zum Beispiel: Unfälle, Naturgewalten, Katastrophen, Krieg, körperliche oder sexualisierte Gewalt.

  • Beispiel 1: Laura, 19, wurde von einem Bekannten vergewaltigt.
  • Beispiel 2: Alexander, 38, wollte einen Kneipenstreit schlichten und wurde selbst brutal zusammengeschlagen.
  • Beispiel 3: Yasemin, 51, wurde Opfer eines Terroranschlags.    
Hilfe, sofort: Traumaambulanzen in Bayern

Sie brauchen Rat und Hilfe, jetzt? Bayernweit gibt es rund 30 Traumaambulanzen für Erwachsene sowie 13 für Kinder und Jugendliche. Das ZBFS hat eine Liste mit den Adressen und Telefonnummern der Traumaambulanzen in Bayern (PDF) zusammengestellt.

Gut zu wissen:

  • Nicht jedes belastende Erlebnis verursacht ein Trauma.

    Nach einem schlimmen Erlebnis können Reaktionen wie zum Beispiel Albträume oder Schlafstörungen vorkommen, sich aber nach einiger Zeit wieder legen, wenn der Mensch das Erlebnis allmählich verarbeitet.

  • Von einem traumatischen Erlebnis oder einer Traumatisierung spricht man, wenn ein Mensch eine außergewöhnliche, schwerwiegende Erfahrung längerfristig nicht verarbeiten kann.

Was ist eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)?

Eine PTBS kann in den Wochen oder Monaten nach einem traumatischen Erlebnis auftreten. Beispiel Gewalt: Ein Mensch, der nach einem Gewalterlebnis eine PTBS entwickelt, durchleidet etwa das Ereignis immer wieder, verdrängt die Erlebnisse, kann bestimmte Situationen nicht mehr ertragen, zieht sich sozial zurück, leidet unter emotionaler Taubheit, Schlafstörungen und/oder Unruhezuständen und/oder fühlt sich hilflos und ausgeliefert.

Wer sollte sich Hilfe suchen?

Ein Gewalterlebnis belastet Sie? Zögern Sie nicht, suchen Sie Hilfe! 

Sie haben etwas Schlimmes erlebt und können die Erfahrung nicht verarbeiten. Das Erlebnis holt Sie immer wieder ein? Sie sind nicht „schuld“. Sie haben nichts „falsch“ gemacht. Es ist völlig richtig und wichtig, dass Sie Hilfe suchen und annehmen. Eine Traumaambulanz ist wie eine Notaufnahme für die Seele. Wie ein gebrochenes Bein kann auch ein Psychotrauma behandelt werden. Sie finden ein offenes Ohr, Rat, Orientierung und Unterstützung. Bei Bedarf werden Sie an spezialisierte Angebote weitervermittelt.

Traumaambulanzen in Bayern
  • In Bayern gibt es rund 30 Traumaambulanzen für Erwachsene und 13 für Kinder und Jugendliche. Ein Angebot für Menschen, die durch eine Gewalterfahrung psychisch belastet sind.

  • Die Besonderheit: schnelle, unbürokratische, rasch wirksame Hilfe!

  • Ziel: verhindern, dass psychische Belastungen „chronifizieren“, also: die Betroffenen dauerhaft belasten. Eine Studie der Uniklinik Ulm belegt den Erfolg der frühzeitigen Behandlung (Frühintervention) in Traumaambulanzen.

Wer kann das Angebot nutzen? Wie viele Therapiesitzungen sind möglich? Wer zahlt die Fahrtkosten zur Ambulanz? Alle Infos & Kontaktdaten:

Linktipp! Traumaambulanzen in Bayern: zum ZBFS

Download: Infofolder „Traumaambulanzen“ (PDF) herunterladen

Eigentlich sollten wir Trauma-Präventions-Ambulanz heißen, denn: Wir wollen verhindern, dass bei Menschen, die Gewalt erlebt haben, schwere Langzeit- oder Spätfolgen auftreten.

Dr. Tobias Skuban-Eiseler, oberärztlicher Leiter des Atriumhauses München.
Es geht Ihnen schlecht, aber ...

es fällt Ihnen schwer, zum Beispiel eine Traumaambulanz aufzusuchen? Tipp! Rufen Sie die Krisendienste Bayern an, Telefon: 0800 655 3000. Oft ist es leichter, erstmal zu telefonieren. Die Beraterinnen und Berater hören in Ruhe zu, klären gemeinsam mit Ihnen die wichtigsten Fragen und zeigen mögliche Wege aus der Krise auf. Wenn Sie rasch Hilfe vor Ort brauchen, ist ein mobiles Einsatzteam innerhalb von einer Stunde bei Ihnen. Auch Angehörige, Fachkräfte und Fachdienste können sich an die Krisendienste Bayern wenden.

Was leistet eine Traumaambulanz?

Traumaambulanz: konkrete, schnelle Hilfe

„Wenn Patientinnen oder Patienten zu uns kommen, erleben wir sie in einer akuten Krise“, beschreibt Dr. Skuban-Eiseler: „Sie sind arbeitsunfähig, haben Konzentrationsstörungen, müssen oft weinen. Oft hört auch das Gehirn auf, Gedächtnisinhalte schön sauber abzulegen. Es speichert sie manchmal auch ganz oder teilweise gar nicht mehr. Nur einzelne Bruchstücke finden, ohne jeden Zusammenhang, den Weg ins Gedächtnis. Sie kommen hoch wie Blitzlichter: die sogenannten Flashbacks.“ Tobias Skuban-Eiseler und sein Team helfen Betroffenen aus der Krise und zurück in den Alltag.

Zwei Frauen sitzen nebeneinander, eine hat Schreibzeug auf dem Schoß. Sie legt der anderen bestärkend eine Hand auf den Arm.

Das Gefühl der Ohnmacht überwinden, die wichtigsten Angelegenheiten wieder in die eigene Hand nehmen: Die Traumaambulanz leistet rasche Hilfe, wenn die Psyche unter einer Gewalterfahrung leidet. (Symbolbild)

Was passiert genau, wenn ich in die Traumaambulanz komme?

Vereinbaren Sie vorher telefonisch einen Termin. So könnten Ihr erster Termin und die Therapie ablaufen:

  1. Eine Ansprechperson stellt sich Ihnen vor.
  2. Sie bringt Sie in einen ruhigen Raum, in dem Sie sich sicher und ungestört fühlen können.
  3. Sie stellen fest: Mein Gegenüber hört mir zu, hat keine Vorurteile, ist auf meiner Seite.
    Dr. Tobias Skuban-Eiseler: „Wir möchten eine gute Situation schaffen, Vertrauen aufbauen, die Patientinnen und Patienten zuallererst stabilisieren. Ihnen auch vermitteln: Was sie gerade an sich erleben, sind typische, ganz normale Reaktionen auf schwere Belastungen.“
  4. Das Therapieziel ist es, „die Handlungsfähigkeit wiederherzustellen“, beschreibt Skuban-Eiseler. Das bedeutet: sich nicht mehr ausgeliefert und ohnmächtig zu fühlen, sondern die wichtigsten Angelegenheiten im Alltag wieder in die Hand zu nehmen und gut zu bewältigen. „Das kann teilweise schon nach wenigen Terminen gelingen“, bestärkt der Facharzt.
  5. Bei Bedarf sind weitere wöchentliche Sitzungen (über einen begrenzten Zeitraum) möglich. Vielleicht empfiehlt das Team der Traumaambulanz Ihnen auch einen kurzen stationären Aufenthalt.
  6. Sie müssen die Gewalterfahrung nicht noch einmal durchleiden, sondern üben ein, sie hinter sich zu lassen.
  7. Es geschieht nichts, was Sie nicht möchten.
Kurz erklärt: Krisenintervention

Eine „Intervention“ kann Menschen aus einer seelischen Krise heraushelfen. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „dazwischentreten“: nämlich zwischen Sie und alles, was Sie belastet. Ziele der Krisenintervention:

  • Ihre Beschwerden beseitigen oder lindern.
  • Verhindern, dass sich Ihre Situation noch weiter zuspitzt.
  • Sie dabei unterstützen, Ihren Alltag wieder selbst zu bewältigen. 

Bei einer stationären Aufnahme im Rahmen einer Krisenintervention kann allein schon der Wechsel des „Settings“ (= anderer Ort, andere Umgebung, andere Personen ...) guttun. Sie verlassen Ihr Zuhause, in dem Sie Gewalt erlebt haben – oder sich nach einem Gewalterlebnis allein und verloren vorkamen, in dem Sie, im übertragenen oder buchstäblichen Sinne, gegen Wände liefen. Auf der Station erhalten Sie eine feste Tagesstruktur, die Ihnen Halt und Sicherheit gibt. Im Zentrum des Atriumhauses ist ein Garten angelegt: Mitten im verkehrsreichen Großstadtviertel ist er eine ruhige, abgeschirmte Oase, die dazu einlädt, abzuschalten und Kräfte zu tanken.

Im Verlauf der kompakten, ambulanten oder stationären Therapie ergründen Sie gemeinsam mit Ihrer Therapeutin oder Ihrem Therapeuten auch, auf welche Ressourcen Sie zurückgreifen können. Ressourcen sind alle Mittel, die Ihnen helfen, ein Ziel zu erreichen – in diesem Fall: die Hoheit über Ihr Leben und Ihren Alltag zurückgewinnen. Wo fühle ich mich sicher? Welche Personen können mich unterstützen? Was gibt mir Halt und Kraft?

„Einmal Psychiatrie, immer Psychiatrie?“ Genau das Gegenteil ist der Fall! Unser Ziel ist es, uns schnell wieder überflüssig zu machen. Eine seelische Krise ist keine chronische Krankheit wie Bluthochdruck oder Diabetes!

Dr. Tobias Skuban-Eiseler
Hier finden Sie Hilfe
SEELISCHE BELASTUNG NACH GEWALT: BERATUNG & HILFE
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      Sie werden akut bedroht? Oder jemand in Ihrem Umfeld? Rufen Sie sofort die Polizei.

    • Traumaambulanzen in Bayern

      Rat und Hilfe, jetzt! Traumaambulanzen bieten schnelle Unterstützung für Menschen, die Gewalt erlebt haben. Hier finden Sie Infos und die nächstgelegene Traumaambulanz.

    • 0800 655 3000

      Die Krisendienste Bayern klären mit Ihnen die wichtigsten Fragen und zeigen mögliche Wege aus der Krise auf. Rasche Hilfe vor Ort leistet im Notfall ein mobiles Einsatzteam.

    • Nummer gegen Kummer

      Hotline für Kinder und Jugendliche 116 111. Für Eltern: 0800 111 0 550. Deutschlandweit, kostenfrei und anonym. Beratung auch per E-Mail und Chat.

    • Telefon-Seelsorge

      Telefonisch unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116123. Deutschlandweit, kostenfrei und anonym. Beratung auch per E-Mail, Chat oder vor Ort.

    • [U25] Nürnberg

      Beratung für suizidgefährdete jüngere Menschen. Kostenfrei, vertraulich und anonym – durch gleichaltrige Ehrenamtliche (von Profis ausgebildet und fachlich begleitet).

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