Folge Precious (deutsche Übersetzung)

Transkript der Folge lesen:

[00:04 – 00:54] Host (Sarah): Sie glaubte an die große Liebe, und das wurde ihr zum Verhängnis. Das ist die Geschichte von Precious. In diesem Podcast dreht sich alles ums „Hinsehen, hinhören“. Mein Name ist Sarah. Bevor wir beginnen, möchte ich eine Triggerwarnung aussprechen. In dieser Folge sprechen wir über Zwangsprostitution, Menschenhandel und die damit verbundenen traumatischen Erfahrungen. Diese Themen können belastend sein.
Bitte hören Sie nur weiter, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen. Diese Themen sind oft mit Scham belastet und werden und häufig ignoriert. Doch Zwangsprostitution und Menschenhandel finden mitten unter uns statt, hier und jetzt. Genau das ist Precious passiert. Sie kommt aus Afrika und verliebte sich über das Internet in einen Deutschen. 

[00:55 – 01:02] Host (Sarah): Liebe Precious, vielen Dank für dein Kommen und dafür, dass du deine Geschichte mit uns teilen möchtest. Du kommst ursprünglich aus Afrika. 

[01:02 – 01:02] Gast (Precious): Ja. 

[01:03 – 01:06] Host (Sarah): Wie können wir uns die Umstände vorstellen, in denen du aufgewachsen bist? 

[01:09 – 01:19] Gast (Precious): Wie viele wissen, gibt es in Afrika Probleme mit der Arbeit. Ich bin in der Mittelschicht aufgewachsen. Mein Leben war also relativ normal. Ich bin zur Schule gegangen.

[01:21 – 01:25] Host (Sarah): Hast du jemals geplant, Afrika zu verlassen, bevor du den Mann getroffen hast, über den wir gleich reden? 

[01:27 – 01:32] Gast (Precious): Nein, ich hatte nicht mal einen Reisepass. Ich habe mich viel mehr auf die Arbeit fokussiert.

[01:32 – 01:37] Host (Sarah): Und dann hast du einen Mann getroffen, der dich dazu bewegt hat dein Zuhause zu verlassen. Wie alt warst du? 

[01:41 – 01:46] Gast (Precious): Als ich begann, mit ihm über Social Media zu schreiben, war ich gerade 18 Jahre alt. 

[01:47 – 01:50] Host (Sarah): Du warst 18. Wie hast du ihn kennengelernt? 

[01:51 – 01:55] Gast (Precious): Wir haben fast jeden Tag geschrieben. Und dann habe ich mich einfach verliebt. 

[01:55 – 01:57] Host (Sarah): Und er war aus Deutschland.

[0:59 – 02:17] Gast (Precious): Ja, er war Deutscher. Ja. Wir haben angefangen, unser Treffen zu planen. Ich habe gearbeitet, und er hat auch gearbeitet. Daher war die große Frage, wann wir uns gegenseitig besuchen sollten. So habe ich mich entschieden, mir in kurzer Zeit einen Reisepass zu beschaffen und nach Deutschland zu reisen. 

[02:19 – 02:23] Host (Sarah): Wenn du jetzt auf diesen Moment zurückschaust, wie hat er dafür gesorgt, dass du dich in ihn verliebst? 

[02:24 – 02:36] Gast (Precious): Eigentlich nur dadurch, dass er lustig war, dass er mir immer geschrieben hat, gefragt hat, wie mein Tag war. Es hat sich angefühlt, als ob sich jemand um dich kümmert. Er war wirklich süß. Ja.

[02:36 – 02:38] Host (Sarah): Er hat dir also viel Aufmerksamkeit geschenkt.

[02:39 – 02:40] Gast (Precious): Viel Aufmerksamkeit sozusagen. Ja.

[02:41 – 02:45] Host (Sarah): Und dann hast du geplant, nach Deutschland zu gehen, um ihn zu besuchen oder wirklich dein Land zu verlassen? 

[02:46 – 02:53] Gast (Precious): Nein, um ihn zu besuchen. Ich habe ein Touristenvisum bekommen. Ich wollte ihn also nur besuchen und dann zurück in mein Land gehen, um weiterzuarbeiten.

[02:54 – 02:55] Host (Sarah): Hat er die Reise bezahlt? 

[02:57 – 03:02] Gast (Precious): Er hat für die Reise bezahlt. Er hat alles bezahlt. Ich musste für gar nichts bezahlen.

[03:04 – 03:07] Host (Sarah): Wie kann ich mir die erste Sekunde vorstellen, in der du ihn gesehen hast? 

[03:09 – 03:23] Gast (Precious): Ich habe mir nur gedacht, wow, er ist genauso wie er im Internet aussah. Und die Chemie hat auch gestimmt. Er hat sich immer noch genauso gekümmert, er wollte immer helfen. Lass mich das machen. Lass mich jenes machen. Also ja, der Eindruck war sehr gut.

[03:26 – 03:27] Host (Sarah): Was ist dann passiert? 

[03:29 – 04:24] Gast (Precious): Und dann sind wir bei ihm zu Hause angekommen. Ich habe ein paar Leute aus seiner Familie und ein paar seiner Freunde kennengelernt. Und von da an haben wir einfach zusammengelebt, bis dann eines Tages etwas passiert ist. Er hatte zu der Zeit generell einige Probleme im Leben. Er fing dann schon an zu sagen, dass er Probleme hat und ich ihm helfen muss. Dann meinte er, wir brauchen Geld, weil er in diesen zwei Wochen so viel Geld für mich ausgegeben hat. Und ich habe gesagt, okay, ich reise ja sowieso bald ab, weil ich wieder zurück muss. Dann hat er meinen Rückflug in mein Land storniert, damit er das Geld von der Fluggesellschaft zurückbekommt. Und ich habe gemeint, ich könnte Probleme bekommen, wenn ich länger bleibe, als mein Visum erlaubt, weil ich zurückmuss, bevor es abläuft. Ich muss zurück. Aber er sagte, nein, du wirst keine Probleme bekommen. Du bleibst einfach. Und dann bin ich geblieben, weil ich verliebt war. 

[04:25 – 04:28] Host (Sarah): War das auch der Punkt, an dem er sein Verhalten geändert hat? 

[04:29 – 04:43] Gast (Precious): Genau. Weil er den Flug hinter meinem Rücken storniert hat, ohne dass ich davon wusste. Ich habe das erst später herausgefunden und habe mich deswegen sehr schlecht gefühlt. Aber dann hat er gemeint, nein, mach dir keine Sorgen, ich buche dir einen neuen Flug. Und in dem Moment war ich dann wieder beruhigt.

[04:44 – 04:46] Host (Sarah): Und hast du ihm zu diesem Zeitpunkt immer noch vertraut? 

[04:46 – 04:47] Gast (Precious): Ja, habe ich. 

[04:47 – 04:50] Host (Sarah): Wie hat er das geschafft, also dass du ihm vertraut hast?

[04:51 – 05:03] Gast (Precious): Einfach dadurch, dass er nett zu mir war. Also dachte ich mir nur, okay, eigentlich scheint alles ganz normal zu sein. Außer eben der Sache, dass er gesagt hat, ich müsse ihm helfen. Ich wusste aber gar nicht genau, wie ich ihm bei seinen Geldproblemen helfen sollte. 

[05:03 – 05:05] Host (Sarah): Okay, was ist dann passiert? 

[05:08 – 05:45] Gast (Precious): Ich habe eigentlich kaum Alkohol getrunken. Wenn er mir also Alkohol gegeben hat, war ich schnell betrunken und habe gar nicht richtig mitbekommen, was gerade passiert. Und irgendwann habe ich dann herausgefunden, dass er ein Video von mir gemacht hatte. Er kam zu mir und wollte mir dieses Video zeigen. Ich habe ihn gefragt, was das ist, weil ich mich überhaupt nicht daran erinnern konnte, was passiert war. Auf dem Video waren andere Leute an diesem Ort, und ich war nackt. Ich wollte gar nicht mehr davon sehen, weil es mich einfach völlig fertiggemacht hat. Ich habe angefangen zu weinen, weil ich in diesem Moment verstanden habe, was mit mir passiert war.

[05:47 – 05:51] Host (Sarah): Und wie ist er mit der Situation umgegangen, als er gesehen hat, dass du weinst? 

[05:53 – 06:40] Gast (Precious): Er hat darüber sogar gelacht, als wäre das von Anfang an sein Plan gewesen. Er hat einfach nach einer Möglichkeit gesucht, mich dazu zu bringen, das zu tun, was er von mir wollte. Dann hat er angefangen, mich unter Druck zu setzen und mir zu drohen, dass diese Videos ins Internet kommen würden und so weiter. Er hatte Zugriff auf mein Handy. Zu diesem Zeitpunkt hat er praktisch mein ganzes Leben kontrolliert, als wäre es sein eigenes. Ich konnte nichts machen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen. Ich konnte nicht einmal rausgehen, ohne vorher zu fragen, und musste ihm sagen, wie lange ich draußen sein würde. Das ging jahrelang so. Er hat mich zu Männern gebracht, mit denen ich Sex haben musste, und Männer zu uns nach Hause gebracht, mit denen ich ebenfalls Sex haben musste. Das ging über Jahre so, ungefähr vier Jahre lang.

[06:41 – 06:45] Host (Sarah): Er hat dich also dazu gezwungen, mit Männern Sex zu haben, die du nicht mal kanntest? 

[06:47 – 07:25] Gast (Precious): Männer, die ich nicht einmal kannte. Meine Fotos, meine Nacktfotos, könnten heute überall im Internet sein. Denn damit er diese Männer zu uns bringen oder mich zu ihnen bringen konnte, musste es ja irgendwo einen Ort gegeben haben, über den er Kontakt zu ihnen hatte. Und dann hat er mich unter Drogen gesetzt. Ich habe sehr viel Alkohol getrunken und wurde irgendwann stark alkoholabhängig. Für mich war das irgendwie eine Möglichkeit, das alles überhaupt auszuhalten. Ich wusste, dass das, was ich da gemacht habe, nicht das war, was ich wollte. Der Alkohol hat mir geholfen, nicht so viel darüber nachzudenken, oder er hat mich irgendwie lockerer gemacht.

[07:25 – 07:30] Host (Sarah): Wow. Gab es jemals eine Situation, in der du versucht hast, zu entkommen? 

[07:31 – 07:51] Gast (Precious): Ich konnte nicht fliehen, denn wohin hätte ich überhaupt gehen sollen? Ich hatte kaum jemanden, dem ich vertrauen konnte. Ich kannte mich in dem Land so gut wie gar nicht aus. Wenn man googelt, findet man zwar unglaublich viele Informationen. Aber bei dieser ganzen Menge an Informationen war es für mich schwierig herauszufinden, welchen davon ich vertrauen kann und an welche ich mich halten sollte.

[07:52 – 08:00] Host (Sarah): Er hat dich nicht nur an andere Männer verkauft. Ich glaube, du hast auch den ganzen Haushalt für ihn gemacht. Er hat dich quasi wie eine Haushaltshilfe oder Bedienstete gehalten.

[08:02 – 08:34] Gast (Precious): Ja, genau. Ich habe alles gemacht. Im Grunde war ich wie eine Haushaltshilfe. Nur mit dem Unterschied, dass eine Haushaltshilfe dafür bezahlt wird. Ich dagegen habe wirklich alles gemacht. Und wenn ich alles sage, dann meine ich auch alles: Ich habe geputzt, gekocht, gebügelt, einfach alles. Er hat sogar kontrolliert, wie sauber der Boden war. Er ist dann zum Beispiel mit einem Stück Küchenpapier über den Boden gegangen, um zu prüfen, ob wirklich alles sauber genug war. Ich musste also genau so putzen, wie er es von mir erwartet hat.

[08:35 – 08:38] Host (Sarah): Precious, wie bist du dieser Situation entkommen? 

[08:39 – 08:52] Gast (Precious): Nun, er war in eine Straftat verwickelt, und die Polizei ist gekommen und hat ihn festgenommen. Und da habe ich meine Chance gesehen. Es war wie ein Licht am Ende des Tunnels. Ich habe mir gedacht, jetzt ist meine Chance, von ihm wegzukommen.

[08:52 – 08:56] Host (Sarah): Also hast du beschlossen, dir Hilfe zu suchen. Was genau hast du gemacht?

[08:57 – 09:57] Gast (Precious): Da ich völlig orientierungslos war und überhaupt nicht gewusst habe, was ich tun sollte, und während dieser ganzen Situation jahrelang ohne gültigen Aufenthaltsstatus gelebt hatte, musste ich schließlich Asyl beantragen. Dann habe ich eine Sozialarbeiterin kennengelernt. Sie hat mich gebeten, ihr ein bisschen von meiner Situation zu erzählen, weil ich damals völlig neben mir stand. Ich habe ihr dann erklärt, was passiert war, und sie hat mich sofort gefragt, ob ich bei der Polizei gewesen sei oder irgendetwas dort erzählt hätte. Sie hat mir auch erklärt, was mir eigentlich passiert war. Danach hat sie mich an Jadwiga verwiesen. Am Anfang hatte ich noch nicht so viel Vertrauen, aber ich habe mich dort sehr sicher gefühlt. Ich war damals so verletzlich und hilflos, fast wie ein kleines Kind. Ich habe überhaupt nicht gewusst, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, wie ich einen Anwalt kontaktieren kann oder was ich überhaupt tun muss. Ich wusste einfach gar nichts. Jadwiga hat mich dann bei sehr vielen Dingen begleitet und mir Schritt für Schritt geholfen.

[09:57 – 10:05] Host (Sarah): Jadwiga hat dir also wirklich dabei geholfen, etwas an deiner Situation zu verändern. Was würdest du Frauen sagen, die Opfer von Menschenhandel sind?

[10:06 – 10:37] Gast (Precious): Ich würde wirklich, wirklich dringend raten: Wenn ihr die Möglichkeit habt, da rauszukommen, dann nutzt sie. Ihr müsst nicht warten, bis etwas noch Schlimmeres passiert. Es gibt Hilfe. Es gibt sehr, sehr viele Anlaufstellen. Wenn ihr nicht wisst, an wen ihr euch wenden sollt, könnt ihr zum Beispiel nach Jadwiga suchen und Kontakt aufnehmen. Sie sind für euch da. Mir haben sie in meinem Leben unglaublich viel geholfen. Wenn ihr also in einer ähnlichen Situation seid wie ich, bitte sucht euch Hilfe bei Jadwiga oder ruft die Polizei. Habt keine Angst. 

[10:37 – 11:45] Host (Sarah): Vielen Dank, Precious. Es ist so wichtig, dass Frauen das hören. Vielen Dank, dass du bei uns im Podcast zu Gast warst. Ich wünsche dir alles Gute.

[10:50 – 11:45] Host (Sarah): Die Geschichte von Precious hat mir deutlich gemacht, wie heimtückisch die Loverboy-Methode ist. Frauen glauben, ihre große Liebe gefunden zu haben, und in kürzester Zeit wird der Liebhaber zum Täter. Wenn ihr etwas seht oder hört, meldet es. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, betroffenen Frauen zu helfen. Eine Anlaufstelle ist die Bavarian Anti-Trafficking HELPline. Hier können Opfer, Angehörige und Fachkräfte kostenlose und anonyme Hilfe erhalten. Ihr könnt eine E-Mail schreiben, anrufen oder chatten. Sehr hilfreich ist auch das Meldeformular für Verdachtsfälle. Nutzt es, um anonym eine Meldung zu machen.

Auch die Hilfsorganisationen Solwodi und Jadwiga stehen euch zur Seite. Und natürlich die Polizei. Lasst uns gemeinsam gegen Zwangsprostitution vorgehen. Gemeinsam können wir viel bewegen.