Folge Dia (deutsche Übersetzung)

Transkript der Folge lesen:

[00:04 – 01:00] Host (Sarah): „Hinsehen, hinhören“ heißt dieser Podcast. Willkommen, ich bin Sarah. Heute habe ich eine bewegende Geschichte zum Thema Zwangsprostitution mitgebracht. Vorab eine Triggerwarnung: In dieser Episode diskutieren wir Zwangsprostitution, Menschenhandel und die traumatischen Erfahrungen, die damit einhergehen. Diese Themen können beunruhigend sein. Wir geben Dias Geschichte sinngemäß wieder. 
Sie ist Anfang 20 und hat bereits so viel durchgemacht. Sie durchlitt neun Monate sexuelle Ausbeutung und Missbrauch. Bis sie – und ja, auch das gibt es – von einem Freier gerettet wurde. Bitte hört euch ihre Geschichte an. Sie ist nicht nur für Frauen wichtig, sondern vor allem auch für Männer. Ihr könnt etwas bewirken und dazu beitragen, Frauen aus schlimmen Situationen zu befreien. Natürlich sprechen wir auch darüber, welche Hilfsangebote es gibt und was Dia tatsächlich geholfen hat. 

[10:01 – 01:11] Host (Sarah): Dia, du bist in Rumänien aufgewachsen, aber nicht bei deiner eigenen Familie. Du kamst bereits im Alter von einem Jahr in ein Kinderheim. Kannst du mir erzählen, wie deine Kindheit war?

[01:14 – 02:19] Gast (Dia): Meine Kindheit war nicht gerade einfach. Denn das Leben in einem Kinderheim ist alles andere als leicht. Dort wird sehr viel gemobbt, und es kommt auch zu Missbrauch – sogar durch die Betreuer. Wenn ich in der Schule von meinen Mitschülern gemobbt worden bin, hat mich zu Hause niemand danach gefragt. Durch bestimmte Erlebnisse und Dinge, die man zu mir gesagt hat, begann mein Sexualleben sehr früh. Niemand hat mir erklärt, was ich tun oder wie ich mich schützen sollte. In unserem Kinderheim waren solche Dinge ganz normal. Mit zwölf oder dreizehn Jahren fingen manche an, als Prostituierte zu arbeiten. Die anderen Mädchen brachten tatsächlich Geld mit nach Hause. Niemand hat sie danach gefragt, woher dieses Geld gekommen ist. Untereinander haben wir ständig darüber gesprochen. Ich bin oft tagelang weg geblieben, ging sehr häufig mit Männern auf Partys und habe bei ihnen übernachtet. Wie ich schon erzählt habe, hatte ich mit etwa 13 Jahren zum ersten Mal Sex. 

[02:20 – 02:28] Host (Sarah): Wow, ich spüre wirklich, dass du keinen leichten Start ins Leben hattest. Mit 17 wurdest du dann Mutter – also ebenfalls sehr jung.

[02:29 – 02:36] Gast (Dia): Es war wirklich schwer. Anfangs wollte ich dieses Kind nicht, weil es von einem Mann war, mit dem ich nicht zusammen sein wollte.

[02:37 – 03:53] Host (Sarah): Deine Tochter wurde geboren, und du hast in Rumänien als Prostituierte gearbeitet. Später erzählte dir eine Freundin, dass du in Deutschland mehr Geld verdienen kannst. Und du hast beschlossen, deine Tochter bei ihrem Vater zu lassen und hierherzukommen. Wie hast du dich in den ersten zwei Wochen in Deutschland gefühlt?
[03:54 – 03:23] Gast (Dia): In den ersten beiden Wochen hatte ich das Gefühl, etwas bewirken zu können. Ich habe wirklich geglaubt, dass ich mir und meiner Tochter eine Zukunft aufbauen könnte oder dass ich mir vielleicht sogar innerhalb eines Jahres eine eigene Wohnung leisten könnte. Alles lief gut. Zwei Wochen lang habe ich mein Geld tatsächlich selbst verwaltet, habe Webseiten erstellt, habe mich um Kunden gekümmert und Termine vereinbart. In diesen beiden Wochen habe ich mich großartig gefühlt. Ich habe wirklich gedacht, ich sei in einer anderen Welt.

[00:24 – 03:26] Host (Sarah): Okay, und dann änderte sich etwas. Was geschah nach diesen beiden Wochen?

[03:29 – 04:11] Gast (Dia): Der Mann, bei dem ich ein Zimmer gemietet hatte, war plötzlich nicht mehr nur der Besitzer der Wohnung, sondern ein Zuhälter, wie meine Freundin. Für mich war das wie eine eigene Mafia. Sie haben mir meinen Ausweis weggenommen, mein bis dahin verdientes Geld und mein Handy. Dann sagten sie mir, dass ich von nun an für ihn arbeiten müsse. Ich habe ihn angefleht, mich gehen zu lassen. Ich habe gesagt, dass ich nach Hause wolle und er mich freilassen solle. Aber er hat nein gesagt und dass ich jetzt für ihn arbeiten müsse. Und natürlich hat niemand nach mir gesucht, als ich verschwunden bin, weil ich keine Familie habe. Die Menschen im Heim haben sich nicht dafür interessiert, wo ich war oder was ich tat. Damit war ich praktisch das perfekte Opfer für diesen Zuhälter.

[04:13 – 04:21] Host (Sarah): Du warst also gewissermaßen in dieser Situation gefangen. Hast du darüber nachgedacht zu fliehen? Hättest du überhaupt irgendeine Möglichkeit dazu gehabt?

[04:23 – 04:38] Gast (Dia): Nein. Aber ich habe mehrmals versucht, da herauszukommen – sehr oft sogar. Doch er war immer in meiner Nähe. Selbst wenn ich mit Freiern Sex hatte, saß er in der Küche oder irgendwo anders in der Wohnung hinter einem Vorhang.

[04:40 – 04:49] Host (Sarah): Okay, wow. In dieser Situation spielten also auch enormer Druck und Manipulation eine Rolle. Kannst du beschreiben, wie dein Alltag in dieser Zeit aussah? 

[04:50 – 05:38] Gast (Dia): Ich habe mich völlig verraten und gefangen gefühlt. Diese Situation hat mehrere Monate angedauert. Mein Alltag sah so aus, dass ich morgens zwischen sechs und sieben Uhr aufstand. Dann habe ich gearbeitet bis zum nächsten Morgen. Meine Schicht hat um fünf Uhr geendet. Ich habe vielleicht ein oder zwei Stunden pro Nacht geschlafen. Ich musste rund um die Uhr arbeiten. Selbst wenn ich bereits zehn Freier gehabt hatte, interessierte ihn das nicht. Denn er wollte so viel Geld wie möglich verdienen. Damals gab er mir zum ersten Mal Heroin, weil ich das alles nicht mehr ausgehalten habe. Mein Körper war bereits in einem sehr schlechten Zustand, und ich habe etwas gebraucht, um das überhaupt noch durchstehen zu können. Vor allem, weil mein Immunsystem schon sehr geschwächt war. Also hat er mich dazu gebracht, Heroin zu nehmen.

[05:38 – 05:39] Host (Sarah): Wie hast du das emotional überstanden?

[05:44 – 05:58] Gast (Dia): Es war sehr schwer. Ich weiß wirklich nicht, wie ich es geschafft habe, das zu überleben. Selbst heute kann ich nicht behaupten, besonders viele Gefühle zuzulassen. Denn was eine Frau in einer solchen Situation erlebt, verfolgt sie emotional bis an ihr Lebensende.

[06:00 – 06:05] Host (Sarah): Am Ende half dir dann ein Freier, aus dieser Situation herauszukommen. Kannst du uns erzählen, wie es dazu kam?

[06:08 – 07:10] Gast (Dia): Ja, er war ein Stammkunde von mir und hatte mich schon mehrmals besucht. An diesem Abend sollte er mich mit seinem Auto abholen und zu sich nach Hause bringen. Der Zuhälter hat mir ein Handy gegeben, über das ich meinen Standort teilen konnte. Natürlich habe ich ihn nicht mit ihm geteilt. Er hat mir immer wieder geschrieben: „Schick mir deinen Standort, schick mir deinen Standort.“ Dann fuhr ich mit dem Freier zu ihm nach Hause. Wir haben uns eine Weile unterhalten. Währenddessen war ich sehr nervös, weil ich gedacht habe: Ich muss ihm irgendwie erzählen, was los ist. Vielleicht ist das meine Chance, hier herauszukommen. Ich habe ihm alles erzählt, aber zunächst hat er mir nicht geglaubt. Dann habe ich ihn gebeten, über die Webseite eine Nachricht zu schreiben. Dabei hat er sich als mich ausgegeben und mit dem Zuhälter geschrieben. Als dieser geantwortet hat, erkannte der Freier, dass jemand die Kontrolle über das Ganze hatte. Er bekam große Angst und fragte den Zuhälter, was er von ihm wolle. Der drohte sinngemäß damit, vorbeizukommen und ihn zu verprügeln. Daraufhin hat der Freier die Polizei gerufen.

[07:12 – 07:24] Host (Sarah): Okay. Das muss dich unglaublich viel Kraft und Mut gekostet haben. Wie du erzählt hast, wurde dann die Polizei gerufen, und auch die Organisation Jadwiga kam ins Spiel. Wie hast du diesen Moment emotional erlebt?

[07:27 – 07:50] Gast (Dia): In diesem Moment habe ich noch gar nicht richtig verstanden, was geschehen ist. Ich habe nicht gewusst, ob nun wirklich alles vorbei war. Ich wusste weder, was mit ihm geschah, noch, was mit mir passieren würde. Ich hatte große Angst. Doch als ich am nächsten Tag mit den Mitarbeitern von Jadwiga gesprochen habe, fühlte ich mich sicherer. Sie gaben mir das Vertrauen und den Halt, den ich brauchte.

[07:52 – 0:55] Host (Sarah): Und wie hat Jadwiga dir dabei geholfen, ein neues Leben zu beginnen?

[07:57 – 08:21] Gast (Dia): Jadwiga hat mir vor allem dabei geholfen, emotional wieder auf die Beine zu kommen und mein Leben neu zu ordnen. Das bedeutet mir sehr viel. Außerdem habe ich es dank Jadwiga geschafft, von den Drogen loszukommen. Das bedeutete mir noch mehr, weil ich viele Jahre lang abhängig gewesen war. Nach und nach fand ich wieder Halt – auch finanziell.

[08:22 – 08:24] Host (Sarah): Und wie geht es dir heute, Dia?

[08:25 – 08:30] Gast (Dia): Mir geht es gut. Ich mache gerade eine Psychotherapie, und es geht mir inzwischen ziemlich gut.

[08:30 – 08:31] Host (Sarah): Okay.

[08:34 – 09:12] Gast (Dia): Ich möchte jetzt auch noch etwas sagen. Das ist eine Botschaft an alle Mädchen, die diesen Podcast vielleicht hören: Wenn ihr euch bedroht fühlt oder das Gefühl habt, in irgendeiner Form missbraucht zu werden, ist es sehr wichtig, mit jemandem darüber zu sprechen. Das gilt besonders für Mädchen, die in Kinderheimen aufwachsen – und vor allem für die Menschen, die sie betreuen. Denn viele Mädchen, die in der Prostitution landen oder einem sogenannten „Loverboy“ in die Hände fallen, wachsen in Kinderheimen oder in Familien auf, in denen es keine klaren Regeln und keinen festen Halt gibt.

[09:13 – 09:25] Host (Sarah): Guter Punkt, Dia. Täter haben es auf Kinder und junge Frauen abgesehen, die kaum oder gar keine familiäre Unterstützung haben. Und was würdest du sagen, woran man sexuelle Ausbeutung erkennt? Und woran könnte man erkennen, dass eine Frau betroffen ist?

[09:29 – 10:27] Gast (Dia): Zunächst einmal hat sie keine Freude am Sex.   Außerdem sieht man bei einer Frau, die Opfer von Menschenhandel geworden ist, kein Lächeln. Vielleicht hat sie blaue Flecken am Körper. Vielleicht hat sie ständig einen düsteren Blick oder wirkt so, als wolle sie etwas sagen. Doch viele Freier schauen lieber weg, weil sie wissen, dass hinter diesem Menschenhandel eine große Mafia steckt. Viele wollen damit lieber nichts zu tun haben. Wir werden nicht einfach von irgendeinem Zuhälter ausgebeutet. Wir werden regelrecht gejagt. Diese Männer sind wie Raubtiere, die auf der Lauer liegen und uns genau beobachten. Sie prüfen, ob wir jemanden haben, ob wir eine Familie haben und wie unsere Lebenssituation aussieht. Und automatisch steckt eine ganze Mafia dahinter, denn bei solchen Geschichten gibt es nie nur einen Zuhälter.

[10:28 – 11:30] Host (Sarah): Danke Dia. Du bist eine sehr mutige Frau. 

[10:35 – 11:16] Host (Sarah): Das war unser Gespräch mit Dia. Ihre Geschichte zeigt eindrücklich, wie wichtig Hilfe von außen ist, um der Zwangsprostitution zu entkommen – auch durch Freier. Wenn ihr etwas seht oder hört oder euch etwas verdächtig vorkommt, wendet euch an die Bavarian Anti-Trafficking HELPline. Dort erhaltet ihr kostenlos und anonym Hilfe – per Telefon, E-Mail oder Chat. Auf der Webseite gibt es außerdem ein Meldeformular für Verdachtsfälle, über das ihr anonym Hinweise geben könnt. Auch Organisationen wie Solwodi und Jadwiga sind wichtige Anlaufstellen. Und natürlich die Polizei. Lasst uns gemeinsam handeln und ein Zeichen gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution setzen.

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