Folge Anna (deutsche Originalversion)

Transkript der Folge lesen:

[00:04 – 01:06] Host (Sarah):  Anna wurde in ein Bordell verkauft und jahrelang zur Prostitution gezwungen. Willkommen bei „Hinsehen, Hinhören“, dem Podcast, der sich mit einem ernsten und wichtigen Thema beschäftigt. Zwangsprostitution in Zusammenhang mit Menschenhandel. Ich bin Sarah. Bevor wir starten, eine Triggerwarnung. Ich spreche in diesem Podcast mit Frauen, die jahrelang in der Prostitution gearbeitet und schlimme körperliche und seelische Gewalt erfahren haben. Es geht auch um Mut und um Angebote, die betroffenen Frauen helfen.

Da gibt es beispielsweise Solwodi, Jadwiga oder die Bavarian Anti-Trafficking HELPline, eine digitale Anlaufstelle, die in ihrer Form in Deutschland einmalig ist. In dieser Folge erzählt uns Anna ihre persönliche Geschichte. Sie ist Ungarin und wurde mit 22 Jahren an ein Bordell verkauft.

Anna ist nicht ihr richtiger Name, sie will nicht erkannt werden. Annas Geschichte hat mich besonders bewegt, da sie einen so langen Leidensweg hatte. Sie sagt, sie hat zehn Jahre als Prostituierte gearbeitet.

[01:06 – 01:12] Host (Sarah): Herzlich willkommen, liebe Anna, bei uns im Podcast. So schön, dass du da bist und dass du heute auch deine Geschichte mit uns teilst. 

[01:12 – 01:14] Gast (Anna): Dankeschön für die Einladung.

[01:15 – 01:29] Host (Sarah): Lass uns doch mal ganz an den Anfang gehen. Du bist in einem ungarischen Dorf aufgewachsen und hast dann, glaube ich, auch ohne Abschluss die Schule verlassen. Erzähl mir doch mal so ein bisschen, unter welchen Umständen du da aufgewachsen bist.

[01:30 – 01:57] Gast (Anna): Ich habe ganz schlechte Familien-Verhältnisse gehabt durch meinen Stiefvater und ich habe sehr oft die Schule geschwänzt. Es gab sehr viel Psychoterror, weil mein Stiefvater ganz starker Alkoholiker war. Er ist nicht schön mit uns umgegangen. Und ja, es war mir immer lieber, nicht zu Hause zu sein.

[01:58 – 02:01] Host (Sarah): Okay, das heißt, du hast auch keine Unterstützung bekommen zu der Zeit damals? 

[02:02 – 02:17] Gast (Anna): Mein richtiger Vater ist gestorben, als ich drei Jahre alt war. Und mein Stiefvater hat mir das ganze Geld, das ich von meinem Vater zur Unterstützung nach dem Tod bekommen habe, weggenommen. 


[02:18 – 02:24] Host (Sarah): War das dann auch der Grund warum du gesagt hast du willst da eigentlich raus, du willst da weg. 

[02:25-02:33] Jein, eigentlich nicht. Ich bin durch eine andere Frau in die Prostitution gerutscht. 

[02:34-02:44] Du hattest eine Freundin, mit der du am Anfang noch rumgezogen bist und durch einen Polizisten aus deinem Dorf habt ihr einen Mann kennengelernt, der mit euch andere Pläne hatte. Das war dein Zuhälter.

[02:45 – 03:06] Gast (Anna): Ja, also die Freundin von mir hat gefragt, ob ich jemanden kenne, und dann hat sie mitbekommen, wie es so mit diesem Zuhälter abläuft. Dann ist sie einfach abgehauen und dieser Zuhälter hat sich stark an mich gehängt und hat mich nicht mehr losgelassen. 

[03:07 – 03:08] Host (Sarah): Was ist dann passiert? 

[03:09 – 03:27] Gast (Anna): Dann hat er mich bei einem anderen Zuhälter abgegeben, der mich das erste Mal gebracht hat. Sie haben mich dort gelassen für 500 Euro Benzin-Geld, das ich abarbeiten musste. Das habe ich dann abgearbeitet.

[03:28 – 03:34] Host (Sarah): Wie ging es dir in dem Moment, als du gemerkt hast, dass du in der Prostitution gelandet bist? 

[03:35 – 03:32] Gast (Anna): Ich habe ganz, ganz viel gezittert an den Füßen und eigentlich am ganzen Körper und diese Wärme gefühlt. Ich habe so ein warmes Gefühl gehabt, so geschwitzt und nicht gewusst, was ich sagen sollte - auch ohne Deutschkenntnisse noch. 

[03:50 – 04:02] Host (Sarah): Jetzt könnte man ja denken, vielleicht hättest du einfach abhauen können, aber man versteht ja oft gar nicht, wie viel Druck dahinter ist, wie viel Manipulation. Hast du darüber nachgedacht, abzuhauen? 

[04:03 – 04:23] Gast (Anna): Wir sind arme Leute dort und wir haben auch nicht so viel gehabt. Und wir sind Menschen, die die Leute ausnutzen können. Arme unterschätzte Leute. Und ich habe Angst gehabt, wegen meiner Oma. Was passiert mit ihr oder mit meinem Bruder. 

[04:24 – 04:30] Host (Sarah): Okay, das heißt aufgrund dieser Angst, auch um deine Familie hast du dann gedacht, okay, ich muss das jetzt weitermachen. 

[04:31 – 04:35] Gast (Anna): Ja, ich hatte nichts, wohin ich gehen konnte, und deswegen bin ich im Bordell geblieben.

[04:36 – 04:41] Host (Sarah): Und was würdest du sagen, ist das, was dich am meisten geprägt hat oder auch verändert hat? 

[04:42 – 04:50] Gast (Anna): Bei mir zum Beispiel ist der gesundheitliche Zustand ganz schlecht geworden und ich habe sehr viel Alkohol getrunken. 

[04:52 – 04:53] Host (Sarah): Also der Alkohol war für dich eine Ablenkung? 

[04:53 – 05:15] Gast (Anna): Das war so meine Überlebensstrategie. Ich habe gewusst, wenn ich jetzt trinke, diese Flasche Sekt, dann muss ich nicht mit den Männern schlafen. Ich musste Sex machen, aber ich habe immer versucht so zu reden, dass der Mann auf mich keinen Bock hatte, ins Zimmer zu gehen. Solche Tricks, ich habe oft Tricks gemacht.

[05:16 – 05:23] Host (Sarah): Okay, das heißt, du wusstest, wenn du Alkohol trinkst, dann musst du vielleicht weniger mit den Freiern arbeiten, weil sie dann nicht dich auswählen. 

[05:24 – 05:46] Gast (Anna): Ja, genau auch. Und dann ist es meistens so: Dann trinkt auch der Freier immer Alkohol mit und dann ist er im Zimmer eingeschlafen. Dann habe ich auch noch extra die Heizung auf fünf aufgedreht, damit es noch wärmer wird im Zimmer. Dann ist er noch mehr müde geworden, ich habe ihm eine dicke Decke gegeben, dass er richtig einschlafen kann. 

[05:46 – 06:08] Host (Sarah): Wow, das heißt, du hast ganz viele Strategien für dich gefunden, dass du annähernd das überleben kannst, was du da tun musstest. Es gab dann einen Vorfall mit einem Türsteher, bei dem du morgens aufgewacht bist und du hast gewusst, okay, ich wurde betäubt, es sind Dinge passiert, die ich nicht wollte. Da war bei dir eine Grenze erreicht und du wolltest dem Mann das Handwerk legen.  

[06:09 – 06:20] Gast (Anna): Das hat mich ganz stark bedrückt. Er hat die anderen Frauen vielleicht auch betäubt und dann sexuell vergewaltigt und ich wollte, dass sie irgendwie ein Zeichen geben, dass dieser Mann so etwas macht. 

[06:21 – 06:34] Host (Sarah): Okay, das heißt, nachdem dieser Vorfall passiert ist, hast du dir gedacht, okay, vielleicht braucht es einfach meine Aussage, vielleicht kann ich damit ganz vielen anderen Frauen helfen. Und du bist dann zur Polizei gegangen. 

[06:35 – 06:37] Gast (Anna): Zum Hausarzt! 

[06:38 – 07:44] Host (Sarah): Okay, und der Hausarzt hat dich dann zur Polizei geschickt oder direkt zu Solwodi. Wie ging es dann genau weiter? 

[06:44 – 07:03] Gast (Anna): Ja, dann hat der Hausarzt für mich Solwodi kontaktiert, den Weißen Ring und Psychiater kontaktiert und dann habe ich mit dem Anwalt gesprochen und wir haben uns auch nochmal mit dem Täter getroffen. Auge zu Auge, mit dem Anwalt dabei. Er hat gelogen, es ist nichts rausgekommen.

[07:04– 07:14] Host (Sarah): Ja, es ist stark, dass du auch hier deine Geschichte teilst und darauf aufmerksam machst! Wie würdest du sagen, hat die Unterstützung von Solwodi dein Leben verändert?

[07:15 – 07:28] Gast (Anna): Ich gehe immer zu Solwodi; als ob ich nach Hause gehe. Da kann ich immer offen mit den Schwestern sprechen. Ich konnte einen Neustart machen. 

[07:29 – 07:36] Host (Sarah): Dafür sind Organisationen wie Solwodi zum Beispiel natürlich so wichtig, um den Frauen zu helfen, diesen Ausstieg auch zu schaffen. 

[07:37 – 07:38] Gast (Anna): Ja.

[07:38 – 07:40] Host (Sarah): Liebe Anna, vielen Dank, dass du da warst. 

[07:41 – 07:42] Gast (Anna): Ja, danke schön. 

[07:42 – 09:48] Host (Sarah): Vielen Dank, dass du deine Geschichte so offen auch geteilt hast. Ich wünsche dir alles, alles Gute, auch gesundheitlich für die Zukunft.

[07:52 – 08:25] Host (Sarah): Auch ihr, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, habt die Möglichkeit aktiv zu werden, wenn ihr etwas hört oder seht. Die Bavarian Anti-Trafficking HELPline bietet kostenlose und anonyme Hilfe. Ihr könnt anrufen, eine E-Mail schreiben oder im Chat Hilfe bekommen. Auf der Website findet ihr außerdem ein Meldeformular für Verdachtsfälle. Das könnt ihr nutzen, um anonym eine Meldung zu machen. Auch die Hilfsorganisationen Solwodi und Jadwiga sind für euch da. Und natürlich die Polizei. Lasst uns gemeinsam etwas gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution tun!

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